Zuhören und Hinschauen

von Ariel Kane

Zuhören und Hinschauen

Ich betrat die Lodge auf der Suche nach Kaffee. Es war der letzte volle Tag unseres Angelabenteuers in British Columbia, und Shya war schon vor dem Frühstück früh losgegangen zum Angeln. Das knisternde Feuer machte den Raum gemütlich, und ungefähr in einer halben Stunde würde es auch etwas zu essen geben. Ich setzte mich auf die Couch in deren Nähe eine Unterhaltung stattfand.

„Ich versteh’s einfach nicht.“, sagte Mark.

„Aber du hast ein paar wunderschöne Fische gefangen.“, antwortete Terry.

Es war klar, dass Terrys Antwort nichts dazu beitrug, Marks offensichtliche Frustration zu beruhigen.

Terry drehte sich zu mir um und sagte, „Mark und ich unterhalten uns gerade. Er versucht herauszufinden, warum seine Fangquote sich immer im unteren Bereich von 30% befindet im Vergleich zu all den anderen Anglern hier.“

Das überraschte mich. Ich wusste, dass ich diese Woche die zwei größten Regenbogenforellen gefangen hatte, jede über zwanzig Pfund, also war mir bewusst, dass ich auf einem gewissen Level mitbekam, wie sich die anderen im Camp schlugen. Aber ehrlich gesagt hatte ich noch nie darüber nachgedacht tatsächlich zu zählen, wie viele Fische ich an Land brachte, und meinen Erfolg oder Misserfolg in Relation zu den anderen Gästen zu berechnen. Soweit ich wusste, war Mark ein sehr guter Angler, der seine Angel gut auswarf – vielleicht sogar besser als ich. Er hatte großartiges Equipment, perfekte Fliegen und war schon viele Jahre länger im Spiel als ich. Aber es war offensichtlich, dass mein Erfolg einige Fähigkeiten beinhalten musste, die uns vielleicht beiden verborgen blieben, da ich augenscheinlich mehr Fische geangelt und wieder freigelassen hatte als Mark, mit all seiner Erfahrung.

Ich blickte ins Leere, wiegte meine Tasse in beiden Händen und betrachtete, was zu meinem Erfolg beigetragen hatte.

Um gleich damit zu beginnen, ich hatte entdeckt, dass freundlich zu mir selbst zu sein, der Schlüssel ist. Denn wenn ich das nicht bin, dann versetzt mich meine negative Haltung in eine Abwärtsspirale der Unfähigkeit. Also bin ich freundlich mit mir, egal ob ich einen Fisch fange oder nicht. Angeln ist Erholung. Wenn es keinen Spaß macht, gönne ich mir eine Pause und suche nach Federn des Weißkopfadlers oder halte Ausschau nach Fußspuren von Bären oder Elchen, die diese am Ufer des Flusses zurückgelassen haben. Ich fotografiere fallende Blätter oder Raupen oder winzige Feenpilze oder das Spiel des Lichtes durch den frühen Morgennebel. Oder ich gehe am Flussufer entlang auf der Suche nach interessanten Felsen und Steinen.

Außerdem agiere ich wie ein Anfänger, obwohl ich keiner bin, weil ich weiß, es gibt immer Dinge, die man noch lernen kann. Wenn ich eine Frage habe, scheue ich mich nicht, meinen Führer um seine Ideen oder sein Coaching zu bitten. Zusätzlich bin ich versiert im Hinschauen und Zuhören.

Drei Tage zuvor war ich an einem Gewässer direkt oberhalb der Lodge. Während ich mich rhythmisch den Wasserlauf hinabarbeitete, unterhielt ich mich mit dem Führer, den ich an diesem Tag hatte, Ethan. Mein Wurf war perfekt und bildete einen perfekten Bogen über und in das Wasser, die Fliege entfaltete sich, der Schwung war gleichmäßig. Trotzdem entdeckte ich, dass ich in Gedanken bei den beiden anderen Anglern war, die auch diese Woche hier waren und die ich bewunderte. Die konnten die Schnur auswerfen, halb um die Welt herum, so hatte es den Anschein.

„Dave und sein Angelkumpel Jeff, die können wirklich eine Angel auswerfen.“, sagte ich.

„Ja, aber für meinen Geschmack werfen sie immer ein kleines bisschen zu weit flussabwärts“, erwiderte Ethan.

Ich nahm Ethans beiläufiger Kommentar wahr, aber ich war in erster Linie damit beschäftigt, zurückzutreten, die Angel auszuwerfen, die Fliege schwingen zu lassen und die Schnur einzuholen – während ich die ganze Zeit Ausschau hielt und ihm nachspürte, dem Ruck eines Fisches.

Am nächsten Tag hatte ich einen anderen Führer, Dan, und wir waren an einer meiner Lieblingsstellen im Wasser. Das Wetter war sonnig und kühl, die Bäume waren wunderschön, und glücklicherweise fing ich zwei Regenbogenforellen. Aber irgendwann verlangsamte sich die Strömung des Flusses ganz erheblich und ich merkte, dass ich damit kämpfte, den perfekten Wurf zu machen. Also bat ich Dan zu mir herüberzukommen und fragte ihn um Rat.

„ich weiß nicht, wie man jetzt hier am besten angelt“, sagte ich. „Das Wasser strömt langsam und ich glaube, ich mach das nicht richtig.“

„Nun“, sagte er vorsichtig, „vielleicht solltest du die Fliege hier etwas natürlicher präsentieren.“

Verwirrt fragte ich, „Was meinst du?“

„Wenn das Wasser so fließt wie jetzt, wenn du dann deinen Angelwurf quer über den Fluss machst anstatt flussabwärts, dann sinkt die Schnur und die Fliege treibt viel natürlicher als sie das bei einem normalen Wurf macht, und manchmal sehen die Fische sie besser und mögen das gerne.“

„Okay, danke“, antwortete ich als ich das ausführte, was er vorgeschlagen hatte. Und erneut, zu meiner Überraschung und meiner Freude, ein paar Würfe später biss wieder eine Regenbogenforelle an.

Später am Tag wechselten wir zu einer anderen Stelle, und nachdem Dan mich abgesetzt hatte, eilte er flussaufwärts, um eine Weile bei Shya zu stehen. Ich rollte die Schnur ab von meiner Angelrolle und betrachtete die Strömung, als ich begann die Angel auszuwerfen, wobei ich jedes Mal ein bisschen mehr Schnur gab. Während ich betrachtete, wie sich das Wasser bewegte, während meine Fliege zur Mitte des Flusses flog, schien es mir als wäre es vielleicht das Beste, wieder meine Schnur direkt über den Fluss zu werfen, anstatt mich auf den Standardwurf flussabwärts zu verlassen.

Vielleicht wäre ein „natürlicher“ Wurf das Ticket zum Erfolg. Dachte ich. Also wollte ich es einmal versuchen.

Jedoch, obwohl ich den Wurf wunderschön über das Wasser machte, begann ich an mir zu zweifeln und war mir nicht mehr sicher, ob dies die richtige Herangehensweise war.  Ich bereitete mich gerade vor, zu brüllen, „Hey Dan, glaubst du, dass es hier langsam genug ist, um quer über den Fluss auszuwerfen“, als – bumm! Meine Schnur wurde straff und der Fisch gab die Antwort.

Als ich an diesem Morgen mit Terry und Mark zusammensaß, meine Hände an der Kaffeetasse wärmte und der Duft des Specks von der Küche herüberwehte, kamen all diese Bilder und noch mehr in mir hoch, in einem Augenblick.

„Nun“, sagte ich, als ich das Rätsel, was ich vielleicht „richtig“ mache und was diesem anderen fähigen Angler vielleicht fehlt, gedanklich entwirrt hatte, „Die Fische waren oft wirklich sanft beim Zuschnappen. Bei zweien von ihnen dachte ich, ich hätte etwas gespürt, aber war mir nicht sicher. Also habe ich gewartet, oder bin einen oder zwei Schritte zurückgetreten und dann wieder vor und war überrascht, dass es wirklich ein Fisch war. Dann hab nicht ich den Haken gesetzt, ich warte, bis sie danach schnappen und wegschwimmen. Ich bin sehr geduldig gewesen.“

„Das kenn ich.“, sagte Mark rasch. „Ich bin geduldig.“

„Die andere Sache, die ich diesmal gelernt habe, ist bei einer langsamen Strömung die Angel quer über den Strom auszuwerfen, anstatt in einem Winkel flussabwärts. Ich hör das schon seit Jahren, aber diesmal hat es wirklich Sinn gemacht und hat für mich funktioniert.“

„Was? Das stimmt nicht. In allen Büchern steht, du musst in einem 45-Grad-Winkel flussabwärts werfen. Das ist die beste Art zu angeln.“

„Wirklich? Okay. Aber ich habe auf diese Art und Weise in den letzten Tagen mehrere Fische gefangen.“

Mark wischte meinen offensichtlich nervenden Input zur Seite und setzte die Konversation mit seiner Frau fort, als ob ich nicht da wäre.

In der Stille überdachte ich meine Erfahrungen, und spielte die Szenen nochmals durch. Ich konnte sehen, warum Ethan anderen Gästen nicht vorschlagen wollte, dass sie mehr in einem Winkel quer über den Fluss die Angel auswerfen sollten, weil sein Coaching diesen erfahrenen Anglern vielleicht nicht willkommen war.  Ich konnte mir auch denken, warum Dan vorsichtig war mit seinen Vorschlägen mir gegenüber, weil er sicher zuvor auch zurückgewiesen worden war. Und ich konnte auch sehen, wie leicht es ist, ein „Problem“ zu haben und die Perspektiven anderer Menschen nicht hören zu wollen, wenn die Antworten dem entgegenstehen, was du bereits weißt.

Manchmal verurteile ich mich dafür, nicht so gebildet zu sein wie andere, obwohl ich tatsächlich eine andere Art von Bildung habe als die, die man aus Büchern lernt: Ich habe mich selbst trainiert zu fragen, wenn ich unsicher bin. Hinzuschauen und zuzuhören, dem was gesagt wird, und dann neue Ideen auszuprobieren, als ob sie brillant sind, um sie für mich selbst austesten zu können. Auf diese Art und Weise komme ich zu neuen Erfahrungen, die nicht beschränkt sind, durch das was ich gelesen habe und was ich bereits kenne.

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