Spuren im Sand

Spuren im Sand

For einigen Jahren reisten Shya und ich nach Great Harbor Cay auf den Berry-Inseln bei den Bahamas. Wie immer mieteten wir eine kleine Hütte auf dieser spärlich besiedelten Insel, deren Fenster im Osten auf den Ozean hinausschauten – ein wunderschöner Platz um den Sonnenaufgang auf keinen Fall zu versäumen. Meistens machte ich morgens einen Spaziergang den wunderschönen Sandstrand entlang. Die Küste zieht sich lang genug hin, so dass es ein Leichtes für mich war 45 Minuten in beide Richtungen zu gehen, den Wellenschlag genießend, während ich ein wachsames Auge für die Schätze hatte, die das Meer über Nacht auf den Sand gespült hatte. Dieser kleine Strand ist eine eigene kleine Welt, in der die „Rushhour“ stattfand, wenn ich gelegentlich ein Obwohl der Strand in seiner Ausdehnung nur dünn besiedelt war, war ich trotzdem nicht der einzige Strandgutsammler. Manchmal, wenn ich den Strand entlang schlenderte, folgte ich den Spuren eines gleichgesinnten Abenteurers, bemerkte wo er oder sie sich nach links oder rechts gedreht hatte, um eine interessant aussehendes Gewirr von Seegras zu betrachten, dass die Wellen am Ufer abgelegt hatten.

Ich muss zugeben, ich ziehe es wirklich vor die erste zu sein, die den jungfräulichen Sand durchquert, nachdem er durch die zurückweichende Flut sanft geglättet ist. Wenn ich auf die Spuren von jemandem treffe, der vor mir durchgelaufen ist, dann facht das die Vorstellung an, dass ich hinter jemanden zurückgefallen bin, dass ich zu spät bin, dass alles, was es wert ist bemerkt und entdeckt zu werden, bereits gefunden wurde.

Eines Morgens traten Shya und ich vor unsere Tür und besprachen kurz, ob wir links oder rechts losgehen sollten. Er seine Fliegenfischangelrute in der Hand, ich in meinem leichten Baumwollshirt mit der Känguruhtasche vorne, um eine kleine Schätze wegpacken zu können. Ich trug zusätzlich meine kleine Bauchtasche, komplett mit Wasserflasche, Taschentüchern und weiterem Raum für Muscheln. Alles was ein Mädchen braucht um den Strand entlang zu wandern.

Wir entschieden, uns nach links zu wenden, in Richtung des Punktes, wo das Meer das Land umschlang und oft interessante Muscheln zurück ließ. An dieser Stelle, jagen auch kleinere Fische, hauptsächlich Schwärme von Jackfischen und  Stachelmakrelen, die nach Köderfischen jagten und höchstwahrscheinlich bei Shya’s Fliege anbeißen würden.

Während wir schlenderten sahen wir einen Hornhecht, eine lange, zahnbewehrte Kreatur, die durch die Untiefen kreuzte. Weiter draußen sprangen winzige Elritzen, die sich wie silberne Wellen  fächerförmig ausbreiteten, und kaskadenartig zurück in das glatte Wasser zurück glitten, während sie versuchten einem Raubfisch unter der Wasseroberfläche zu entkommen. Gelegentlich wippten kleine Sandläufer vorbei, während sie sich ihren Weg suchten, hoch und runter den sanften Ufersandhügel, während sich nach Essbarem suchten, zu winzig als das unsere menschlichen Augen es erblicken konnten.

Während wir durch die kleinen Wellen wateten, war Shya’s Blick fest auf das Wasser gerichtet, das er nach der Silhouette von Fischen abscannte, bereit die Angel auszuwerfen. Meine ganze Aufmerksamkeit wurde angezogen von einem Lichtschein oder einem Farbtupfer, wenn die Muscheln mir in der Morgensonne zuwinkten. Es war ein geruhsames Abenteuer, wir gingen nicht wirklich irgendwo hin, obwohl unsere Füße uns vorwärts trugen, zu dieser Landzunge da hinten. Als ein kleiner Schwarm von Jackfischen jagend vorbeischwamm, fingen wir beide einige und ließen sie wieder frei, während wir uns hin und her wendeten um sie zu verlocken unsere Fliege, eine Shrimpsimitation zu fressen.

Irgendwann errichten wir unser Ziel und Shya wadete hinaus, eine lange Sandbank entlang um zu sehen, ob er einen der größeren Raubfische fangen konnte, die auf beiden Seiten der Sandbank, unterhalb der Wasseroberfläche hin- und herkreuzten. Ich meinerseits umrundete die Landspitze  und ging den Strand hoch um zu sehen, welche Muscheln der Ozean über Nacht zurück gelassen hatte. Jedoch zu meiner Überraschung, anstelle einer unberührten Oberfläche, fand ich Fußspuren im Sand.

Oh nein!, schoss es mir sofort durch den Kopf. Jemand war vor mir hier. Von diesem Moment an, verschwand meine gemütliche Morgenstimmung und mein Konkurrenzdenken stieg in mir hoch und aktivierte diese nörgelnden Unsicherheiten die wisperten: Du hinkst hinterher. Du hast versagt. Du hast verloren.

Von diesen Gedanken angespornt, beschleunigten sich meine Schritte, mein Herz klopfte und mein Atem stockte. Wie konnten die vor mir hier gewesen sein? Shya und ich kamen praktisch im ersten Morgenlicht zum Strand.

 Prüfend schaute ich nach vorne und sah, wie die Spur sich im Zickzack hin- und herwand und begann ihr zu folgen. Nach einigen Metern den Strand entlang, als ich einen weiteren Schritt machte, bemerkte ich, dass die Fußspuren, die ich in meinem Kielwasser hinterließ, verdächtig nach der gleichen Größe aussahen, wie die, denen ich folgte. Ich stoppte in meiner Spur. Ehrlich gesagt, ich stoppte genauso neben meinen Spuren und drehte den Kopf zurück und lachte.  Mir war endlich klar geworden, dass die Person, mit der ich konkurrierte in Wirklichkeit ein Geist von mir war, denn diesen Weg war ich gestern Nacht gegangen. Während ich hinschaute, wurde mir klar, dass die Flut gestern Nacht nicht weit genug hoch gekommen war, um meine Fußspuren vom gestrigen Strandabenteuer auszulöschen. Ich grinste über mich selbst, und fühlte mich an Winnie-The Pooh erinnert, als Ferkel und Pooh ihren eigenen Spuren folgen, während sie immer und immer wieder den selben Baum umkreisen.

Jetzt wieder entspannt, kehrten meine Augen zurück um die Wunder vor mir zu sehen. Meine Aufmerksamkeit war nicht mehr nach innen gerichtet, auf vermeintliches Versagen, und ich war nicht mehr länger meiner automatischen mich selbst herabsetzenden Schmährede unterworfen. Mein Schritt wurde gleichmäßig, und ich genoss die Bewegung meiner Beine, die Beschaffenheit des Bodens unter meinen bloßen Füssen, als ich mich umdrehte und begann zu Shya zurück zu gehen.

Plötzlich erblickte ich eine zarte Muschel, die im frischen Sand steckte, wie ein paar Schmetterlingsflügel, bereit zum Fliegen. Die opalisierende Perlmuttinnenseite schimmerte  blaugrün und rosa, im Kontrast zur dunkleren Außenseite. Die äußeren Ecken waren nicht glatt aber mit vielen Punkten geschmückt, gefiederte Finger, die sich im geschlossenen Zustand ineinander verschränken würden, während sie sich im Augenblick dem Himmel entgegenstreckten. Behutsam sammelte ich die Muschel ein, wickelte sie in ein Taschentuch und steckte sie in meine Tasche, für den Heimweg zu unserem kleinen Bungalow.

Als meine Füße ihren Rhythmus wiederfanden, amüsierte ich mich im Stillen darüber, wie skurril die Vorstellung war, dass ich eine Gelegenheit verpasst hatte, dass ich irgendwie „hinterher hinkte“. Denn ich hatte gerade nicht nur einen zarten Schatz entdeckt, den das Meer freigegeben hatte, sondern den noch viel größere Wohlstand-des-Seins der geschieht, wenn ich den Reflex, immer ganz vorne zu sein, los lasse, und mir selbst den Luxus erlaube, anstatt dessen genau da zu sein, wo ich bin.