Den Punkt des Gleichgewichts finden

Ein Auszug aus „SEIN – Die Kraft des Augenblicks“, erschienen im Windpferd Verlag

Den Punkt des Gleichgewichts finden

beinghere-german-bigDie meisten Menschen streben danach, auf eine Art und Weise zu leben, die ein Gefühl von Wohlbefinden, Zufriedenheit und Erfüllung hervorbringt. Wir alle sind daran interessiert, produktiv zu sein und die Ziele zu erreichen, die mit unseren Werten vereinbar sind. Wir beide haben jedoch häufig beobachtet, dass in dem Wunsch, ihre Ziele zu erreichen, die Menschen oft aus den Augen verlieren, was in ihrem Leben geschieht … in jedem einzelnen Augenblick. Sie werden getrieben, das zu leisten, wovon sie glauben, dass es zu Glück, Erfolg und Wohlbefinden führt, und verpassen all das, was das Leben anzubieten hat, wenn du ganz hier bist.

Wir wollen damit nicht sagen, dass du keine Ziele haben solltest. Es geht einfach darum, dass das Fokussieren auf zukünftige Ziele dich um den Reichtum des gegenwärtigen Augenblicks bringen wird.

Hier ist ein Beispiel dafür:

Da wir beide begeisterte Fliegenfischer sind, nahmen wir uns nach einem unserer Winterseminare in Costa Rica einen kurzen Urlaub und machten uns auf, um große pazifische Segelfische mit Fliegenruten zu fangen. Dort heuerten wir Captain Bobby, sein Boot und seinen Maat an, um uns auf der Suche nach diesen majestätischen Geschöpfen von der costa-ricanischen Küste weg in den blauen Pazifischen Ozean zu bringen.

In den vergangenen vier Jahren hatten wir jedes Jahr mit Captain Bobby Fische gefangen. Als wir ihn kennenlernten, arbeitete er für eine Angler-Lodge als einer ihrer rangältesten Führer. Wir schienen gut miteinander auszukommen, daher buchten wir auch weiter Ausflüge mit ihm, nachdem er sich selbstständig gemacht hatte. Nur Bobby, sein Maat und wir beide steuerten auf einem fast neun Meter langen Boot von der Küste weg zu einem Abenteuer in der Nähe von Golfito, Costa Rica. Die Intensität und Unmittelbarkeit des Lebens auf See hat etwas an sich, das uns fasziniert und befriedigt.

Jeder Tag begann im Morgengrauen, wenn wir mit dem Motorboot von dem kleinen Dorf wegfuhren, das sich dicht an den Regenwald schmiegt und bis hinaus zwischen die Landarme geht, die Golfito schützen. Wenn wir auf das Meer hinaussteuerten, trafen wir immer auf etwas Lebendiges. Am Ufer gab es majestätische Bäume, die purpurrot blühten und deren Duft mit der Brise herangetragen wurde. Wir stießen oft auf sehr große Schwärme von Delfinen, die Sprünge und Kapriolen machten und vor dem Schiffsbug schwammen – eine Meeresvorhut von einigen der intelligentesten Geschöpfe auf diesem Planeten. Es gab große graue, schlank und kraftvoll, die mühelos dahinglitten, unser Schiff mit ihrer Gegenwart beehrten und sich elegant miteinander abwechselten, wenn sie uns dorthin geleiteten, wohin auch immer unser Bug wies. Es gab auch die Spinnerdelfine, die uns den Genuss von luftakrobatischen Kunststücken boten, wenn sie sprangen und sich drehten, mit offensichtlichem Vergnügen herumwirbelten, bevor sie zurück in das Meer platschten. Die Spinnerdelfine werden oft von Gelbflossenthunfischen begleitet, und sie helfen sich gegenseitig dabei, Schwärme kleiner Köderfische zusammenzutreiben, die ihre Nahrung sind. Man kann diese Gruppe aus weiter Entfernung erkennen. Es ist ein Getümmel von glitzerndem Wasser, hochspringenden Formen und einer krächzenden Wolke von tauchenden Meeresvögeln.

Seeschildkröten sind gesetzter. Sie strecken ihre Köpfe über das Wasser, um zu beobachten, wie die Welt vorüberzieht. Gelegentlich hatten wir einen spektakulären Anblick von Walen, ganz nah und persönlich. Auf einer speziellen Fahrt sahen wir eine Mutter und ihr Kalb rasch auf die ferne Küste zusteuern. Sie sprangen und tauchten hintereinander auf einer Bahn, die parallel zu unserem Boot verlief. Eine Zeit lang hielten wir Schritt mit diesen Kolossen.

Mantarochen können Salto rückwärts machen, Fregattvögel steigen auf den Warmluftströmungen in große Höhen, und Pelikane fliegen im Verband nur wenige Zentimeter über den Wellen, wenn sie die mit der Strömung aufsteigenden Fische fangen. Und dann gibt es noch große Sportfische, Doraden, pazifische Segelfische und Speerfische. Die Doraden sind golden-blaugrüne Kugeln, die aus der Tiefe hochschießen, um die Köder anzugreifen, die an der Schleppangel hinter dem Boot hergezogen werden. Segelfische tauchen plötzlich auf und werfen sich hin und her, wenn sie versuchen, die Köderfische mit ihren Mäulern zu betäuben, um sie gemächlich zu verzehren. Und die Speerfische sind die Könige – Geschöpfe, die nicht ihresgleichen haben. Diese erstaunlich kraftvollen und aggressiven Goliaths tauchen in vollerRage aus dem Nichts auf; plötzlich bricht die täuschend träge Wasseroberfläche auf, während etwas von der Größe eines Kleinwagens explosionsartig in Sicht kommt.

Manchmal sind wir auf einem dieser Ausflüge auf einen Baumstamm gestoßen, der wie eine einsame Welt 20 oder 30 Meilen fern von irgendetwas trieb, ein ganzes Ökosystem in sich selbst. Vögel sitzen darauf und ruhen sich aus. Krabben und garnelenartige Tiere krabbeln auf seiner Oberfläche und darunter, im Schutz des Baumstamms selbst, kreisen weiter unten kleine Schwärme von Köderfischen und fressen die niedrigeren Lebensformen. Die Dorade, der Segelfisch und der Schwertfisch können gerade außerhalb des Blickfeldes lauern und darauf warten, sich auf sie zu stürzen.

So sind unsere „Fischexpeditionen“ ein Eintauchen in das Leben und die Großartigkeit des Meeres. Jeder Tag auf dem Wasser ist ein Geschenk, erfüllt von Ansichten, Geräuschen und Gerüchen, die es uns ermöglichen, wieder in Berührung mit der Natur und der unermesslichen Weite des Lebens auf diesem Planeten zu kommen.

Man würde annehmen, es wäre sehr zufriedenstellend, ein Leben als Fischkapitän zu führen. Doch Captain Bobby war blind dafür durch eine Reihe von Zielen, die ihm ständig im Kopf herumgingen. Als wir ihn kennenlernten, beklagte er sich regelmäßig über das Management der Angler-Lodge und sagte: „Wenn ich mein eigenes Boot hätte, würde ich es anders machen. Ich würde die Dinge besser als sie machen.“

Bei dem besagten Ausflug hatte Bobby endlich einige seiner lebenslangen ehrgeizigen Ziele erreicht, darunter auch das, ein eigenes Boot zu haben. Sein gegenwärtiges Ziel, an dem teilzuhaben er uns verleitete, bestand darin, einen Fisch in Weltrekordgröße mit einer Fliegenrute zu fangen. Bobby war sehr daran interessiert, dass Ariel die neue Weltrekordhalterin für pazifischen Segelfisch wurde, und daher schlossen unsere Tage es ein, dieses Ziel zu erreichen. Es wurde zu einem aufregenden Abenteuer, nach großen Sportfischen zu jagen in der Hoffnung, einen zu fangen, der der größte wäre, der je registrierte wurde. Eines Tages fing Ariel tatsächlich jenen großen Fisch. Er war wahrhaftig ein Riese, ein gräuliches Tier, das gut über hundert Pfund wog und von Maul bis Schwanz fast drei Meter lang war.

Wir hatten gewonnen. Wir hatten geschafft, was zu tun wir uns vorgenommen hatten. Die Euphorie hielt fast einen ganzen Abend an. Dann begann der Ärger. Bobby hatte sich eines seiner persönlichen Ziele erfüllt, und so ging es mit Feuereifer und großer Entschlusskraft zum nächsten weiter. Wir stellten fest, dass er nicht mehr bloß fischte und sich am Reichtum der Erfahrung freute, die man auf dem Meer machen konnte. Wir wurden nun verbissen angewiesen, „einen weiteren Weltrekord holen zu müssen“, so als würde das Erreichen dieses Ziels irgendein Gefühl von wirklicher und dauerhafter Zufriedenheit herbeiführen.

Ein paar Tage später fing Ariel einen Roosterfish in Weltrekordgröße. An diesem Abend teilte uns Bobby beim Essen mit, dies sei eines seiner vier Ziele im Leben. Danach wurde die Sache immer schlimmer. Er wurde reizbar, war leicht frustriert und geriet schnell in Wut. Nun konnten wir es ihm nicht recht genug machen, und wir konnten auch nicht schnell genug einen Fisch fangen, der groß genug war. Fischen wurde zu einer ernsten Angelegenheit. Er war kein „netter Kerl“ mehr. Natürlich redeten wir mit ihm darüber, da es nicht unserer Vorstellung von Urlaubsvergnügen entsprach. Während des restlichen Ausflugs zeigte er seine Frustration nicht mehr so offen, aber wir konnten erkennen, dass sie direkt unter der Oberfläche schwelte.

Bobby hatte sich in der Vorstellung verloren, dass das Erreichen des nächsten Ziels ihm irgendwie Erfüllung bringen, ihn in seiner Existenz bestätigen und zu einem glücklicheren Menschen machen würde. Das Problem bei dieser Vorstellung entsteht dann, wenn du dein Ziel tatsächlich erreichst. Das Leben ändert sich damit nicht grundlegend, und daher erzeugt das Erreichen eines Ziels unter diesen Umständen kein Gefühl von Wohlbefinden oder Zufriedenheit.

Wenn du in dir selbst zufrieden bist, ist es auch befriedigend, ein Ziel zu erreichen. Wenn du nicht zufrieden bist, dann wird, wenn ein Ziel erreicht ist, nur das Bedürfnis nach dem nächsten Ziel stimuliert. Die Vollendung von etwas intensiviert, wer du bist und wie du gegenwärtig bist. Wenn es beim Erreichen eines Ziels also darum geht, dir selbst Ausdruck im Leben zu verleihen, dann wird dein Gefühl von Selbstausdruck, Selbstwert und Wohlbefinden intensiviert. Wenn du dir jedoch Ziele aus einem Gefühl von Mangel oder Unzulänglichkeit setzt, was von der Einbildung herrührt, dass die Erfüllung deiner Wünsche Zufriedenheit oder Genugtuung erzeugen wird, dann wirst du enttäuscht sein, wenn du dein Ziel erreichst. Das Gefühl von Leere oder Unzufriedenheit wird stärker.

Ziele zu haben kann äußerst nützlich sein, aber nicht, wenn sie erreicht werden und du dabei deine Erfahrung opferst, in jedem Augenblick zu leben. Wenn du dir Sorgen um die Zukunft und darüber machst, dir Ziele zu setzen, kannst du dich nicht mit dem beschäftigen, was gerade in diesem gegenwärtigen Moment in deinem Leben passiert.

Unsere Fischfang-Geschichte ist dafür ein vorzügliches Beispiel. Große Sportfische zu fangen erfordert mehr als lediglich die Geschicklichkeit des Anglers. Es ist eine Teamleistung, und ein gemeinsames Ziel zu haben ließ uns alle fokussiert bleiben und gab unseren Handlungen Sinn und Zweck. Fehler wurden auf ein Minimum reduziert, weil wir unsere gesamte Aufmerksamkeit und Fähigkeit in den Prozess des Fischfangens einbrachten. Fokus ist ein Vorteil, aber wenn du in die Zukunft abdriftest und erwartest, dass das Ergebnis langfristig Glück oder Zufriedenheit herbeiführen wird, dann verpasst du die Magie des Augenblicks, und das Leben wird ernst und zweidimensional.

Ariel fing letzten Endes drei Weltrekord-Fische während dieses Ausflugs, zwei pazifische Segelfische und einen Roosterfish. Gegenwärtig hält sie zahlreiche Weltrekorde im Fliegenfischen für Frauen bei der International Game Fish Association (Internationaler Sportfischverband).

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