Andys perfekte Ohren

Auszug aus Being Here… Too – Kurzgeschichten zur Erleuchtung von Ariel und Shya Kane

Andys perfekte Ohren

andy-bigIn dem altmodischen U-Bahn-Waggon entdeckte Andy an jenem Tag, dass seine Ohren perfekt waren. Oh, es gab aber Zeiten, wo das nicht so war. Kinder können halt grausam sein.

Andy wuchs in St. Joseph, Missouri, auf und war ein normaler Junge in jeglicher Hinsicht außer einer Sache – seinen außergewöhnlich großen Segelohren. So lange er denken konnte, waren seine Ohren ihm peinlich gewesen. Seine Eltern liebten ihn und seine Mutter fand, dass er niedlich aussah, aber sie war eben seine Mutter und Andy wusste, dass sie voreingenommen war. Er war sich sicher, dass sie unrecht hatte, und er konnte das beweisen.

Eines Tages, als Andy ungefähr 10 Jahre alt war, wartete er an der Bushaltestelle auf den alten gelben Schulbus „Ol’Yeller“, der ihn und mehrere andere Kinder aus der Gegend zur Schule bringen sollte. Andy trug ein rotes T-Shirt, blaue Jeans und knöchelhohe Turnschuhe. Er schaute auf seine Füße und war verlegen, denn seine Füße hatten gerade begonnen, schneller als der Rest von ihm zu wachsen, und er war überrascht, als seine Freunde ihn hänselten. Aber sie ärgerten ihn nicht wegen seiner Füße. Scheinbar hatten seine Ohren die Morgensonne eingefangen, als sie über den Nachbarshäusern aufging

„Schaut mal, da ist Dumbo!“ sagte einer der Jungen.

„Ja, genau wie der Elefant. Hey, Andy, du könntest mit den Dingern fliegen!“ rief ein anderer Junge und alle lachten.

Andy war sprachlos. Er hatte keine Ahnung, was er erwidern konnte. Andy versuchte, seine hochroten Ohren zu verstecken, und das machte alles nur noch schlimmer.

Innerhalb der nächsten paar Jahre begann Andy den Traum zu entwickeln, Schauspieler zu werden, und er gestand dieses Ziel einem Lehrer.

„Dann lass dir mal lieber die Ohren operieren, dass sie nicht mehr so abstehen,“ sagte sein Lehrer ernst, „weil die einfach zu viel sind.“

In der 7. oder 8. Klasse sagte Jack Pressman, ein beliebter Junge, dass Andy aussehe wie ein Taxi, bei dem beide hinteren Türen offenstehen; das überzeugte Andy, dass er niemals eine Freundin haben würde.

In der Oberstufe ließ Andy seine Haare so lang wachsen, wie seine Eltern es zuließen. Immer, wenn er sich doch die Haare schneiden ließ, trug er anschließend eine Wollmütze und zog sie soweit es ging herunter, um die Ohren zu verstecken. Irgendwann trug er die Mütze immer, sogar im Sommer. Noch hilfreicher war es, als er endlich Bartwuchs hatte. Andy entdeckte, dass große, lange Koteletten den Blick auf sich zogen und dass sein einladendes Lächeln gute Tarnung bot für diese ungewollten „Flügel“ an seinem Kopf.

Als er 19 wurde, nahm sich Andy ein Herz und zog nach New York, um seinen Traum der Schauspielerei zu verfolgen. Tagsüber servierte er Pizza, abends war er angehender Schauspieler. Portraitaufnahmen, Schauspielunterricht, Vorsprechen und Castings führten nur zu minimalem Erfolg. Aber Andy hatte Talent und er wusste das auch. Irgendwas war falsch! Waren das vielleicht doch seine Ohren?

Dann lud ihn ein anderer Schauspieler zu einem „Sag JA zu deinem Leben“-Abend in Manhattan ein, der von einem Paar namens Ariel und Shya Kane geleitet wurde. Andy fragte interessiert, worum es da ginge.

„Im Moment leben und dein verborgenes Genie entdecken,“ antwortete sein Freund. Andy war nicht klar, dass ein Teil seines Genies verborgen hinter zotteligen Haaren, Koteletten und einem Killer-Lächeln lag.

Eines Tage, nachdem Andy die Kurse der Kanes schon eine Weile besucht hatte, schlug Shya ihm vor, dass er leichter Rollen bekommen würde, wenn er sich die Haare schneiden und die Koteletten abrasieren würde. Andy konnte ein Lachen kaum unterdrücken. Seine Freundin Leah sagte ihm regelmäßig dasselbe. Sie fand ihn süß und sexy, aber sie war halt seine Freundin und Andy wusste, dass sie voreingenommen war. Aber Shya schaute so aufrichtig und hatte ihm noch nie schlechte Ratschläge gegeben.

„Ok,“ sagte er, „ich werde es tun.“

Vor dem Spiegel am nächsten Morgen nahm Andy einen Atemzug, fasste sich ein Herz und setzte den Rasierer an. Später am Tag bekam er auch noch einen großartigen Haarschnitt. Plötzlich war es so, als ob Andy aus einem Versteck auftauchte. Die Sonne von jenem Morgen, der so lange zurücklag, schien nicht mehr durch seine Ohren, sondern erleuchtete sein Gesicht. Es war der Beginn eines neuen Andy. Es war Perfektion.

Wir spulen ein paar Jahre vor. Andys Manager rief ihn an.

„Andy, dir wurde gerade eine Rolle in einem neuen Film von Steven Spielberg angeboten! Sie haben dich extra ausgesucht, weil sie dein Aussehen lieben, vor allem deine Ohren! Ich hab’s doch gesagt, die werden dir noch Geld einbringen.“

Am nächsten Tag sprach Andy mit dem Assistenten von Herrn Spielberg, der sagte: „Du wirst um 7:30 Uhr dran sein, aber komm gern früher und schau dich um.“

Wer würde das verpassen wollen? dachte Andy.

An dem Morgen küsste er seine Frau Leah zum Abschied und trat nervös und durcheinander aus seiner Wohnung in Brooklyn. Er machte sich auf den Weg zum Brooklyn Transit Museum, wo er an dem Morgen drehen sollte. Der Film war ein Historiendrama und die Szene sollte in einem der alten Autos gedreht werden.
Das Licht, das Set, die Kabel und Kostüme, die Crew waren alle sehr aufregend. Aber nicht annähernd so aufregend, wie mit einem berühmten Schauspieler zu drehen, den er sein ganzes Leben lang bewundert hatte – Tom Hanks. Und es war nichts verglichen damit, dass Herr Spielberg aus vollem Herzen sagte: „Andy, wenn Norman Rockwell noch leben würde, würde er dich sicher malen.“

Bevor der Tag um war, drehten sie Szene um Szene und diverse Nahaufnahmen von Andy und seinen außergewöhnlich großen, absolut perfekten Segelohren.

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