Wie atme ich?

von Ariel Kane

Wie atme ich?

An einem Sommermorgen machten Shya und ich einen Spaziergang. Es war hell, kühl und recht früh. Ich wollte dem anbrechenden Tag zuvorkommen und meine Beine dehnen, bevor die Hitze des Tages zuschlagen würde. Ich hatte um 7.45 ein Meeting, also legten wir ein flottes Tempo vor, um rechtzeitig zum Duschen zurück zu sein. Unsere Strecke würde uns zum Ende der nahe gelegenen Gravel Hill Road führen. Bei einem Ausflug in der Woche zuvor, hatte ich einen Blick auf ein neu geborenes Rehkitz erhascht und ein süßes Foto von dem Baby gemacht, während seine Mutter mit den Füßen stampfte und hinter uns schnaubte.

An diesem bestimmten Tag jedoch, waren wir eher im Eiltempo unterwegs als gemütlichen Schrittes. Ich wollte es als Aerobic-Veranstaltung betrachten, denn ich befand mich auf einer wichtigen Mission, Ausdauer aufzubauen für unser demnächst stattfindendes Angelabenteuer. In einem Fluss zu waten und das Flussufer hinauf- und hinabzuklettern, macht viel mehr Spaß, wenn meine Beine stark sind, also ging ich längere Strecken, ging schneller und wählte auch steileres Terrain.

Üblicherweise, wenn wir Gravel Hill entlanggehen, gehen wir auf dem Hinweg hinab langsamer und beschleunigen auf dem Rückweg. Dies kommt mir oft unlogisch vor, denn die Steigung des Bergs ist recht steil. Aber wenn wir unten angekommen sind, sind unsere Beine aufgewärmt, und wenn wir dann nach Hause umdrehen, bewegen wir uns bereits mit Schwung. An diesem Morgen jedoch, hatten wir schon mit hohem Tempo angefangen und diesen Schritt beibehalten, so dass wir, als wir unten ankamen schon recht schnell waren. Als wir uns an dem Stoppschild am Ende der Straße umdrehten, begannen wir den Berg wieder hochzugehen.

„Geh sanfter“, sagte Shya, und ich erkannte, dass ich unbeabsichtigt meinen Weg zur Anhöhe hinaufstampfte.

Ich brachte sofort Bewusstheit zum Klang meiner Füße und tat mein Bestes, um ruhig aufzutreten.

„Du meinst, ich muss mit meinen Füßen nicht stampfen?“ Ich fragte mit einem Grinsen.

„Nö. Das ist extra.“

Wir gingen weiter, erklommen kraftvoll die Anhöhe. Wir kontrollierten unsere Apple-Watches und wie gewöhnlich war mein Puls erhöht. Als er 140…145…148 erreichte, war ich außer Atem. Ich hatte das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen, und ein Hauch von Panik kroch an den Rand meines Bewusstseins. Ich hatte immer noch die Energie, um mich in diesem Tempo zu bewegen, aber das Atmen wurde zum Problem. Ich wusste, dass Shya, der einst in den Höhen des Sierra Nevada-Gebirges, wo die Luft dünn ist, für einen Marathon trainiert hatte, vielleicht die Antwort hätte. Alles, was ich tun musste, war zu fragen.

„Shya, wie atme ich?“, fragte ich.

Er schaute mich an.

„Ich meine, ich fühle mich, als ob ich nicht genug Luft bekommen kann, und ich fühle mich am Rand einer Panik.“

„Atme schneller aus“, sagte er. „Das Einatmen passiert von ganz alleine.“

Sofort probierte ich das aus. Er fuhr fort, „Bevor du nicht komplett ausgeatmet hast, kannst du nicht mehr an Luft einatmen. Das hier ist kein Atemseminar. Los, mach und stoß die Luft raus.“

Ich tat, wie er vorgeschlagen hatte, und bevor ich mich versah, beruhigten sich die Dinge in mir. Wir begannen im Rhythmus unserer Schritte zu atmen, nahmen uns beim Einatmen mehr Zeit und beschleunigten das Ausatmen.

Während alldem, begannen wir zu plaudern. Wir sprachen über viele Dinge, auch die familiäre Kultur meiner Familie und in welchem Zusammenhang diese zu Panik steht, und über Zeiten, in denen einer von uns wirklich nicht in der Lage gewesen war zu atmen – bei mir, als ich als Kind ein Bonbon eingeatmet hatte und bei ihm, als ihm als Erwachsener ein Stück Essen in die Luftröhre geraten war.

Wir gingen den Hügel hinauf und als die Steigung abflachte, wurde mein Pulsschlag langsamer und das Atmen leichter. Plötzlich hörte ich wieder die Vögel und sah das Spiel des Lichts in den Bäumen. Spontan war meine Aufmerksamt wieder zurück auf der Welt um mich herum.

Ich beschrieb Shya mein Erleben.

„Du beschreibst perfekt eine Verstörung“, sagte er. „Wenn du eine Bedrohung für dein Überleben hast, real oder eingebildet, dann separierst du dich von der Welt und wendest dich nach innen. Wenn du aus der Verstörung wiederauftauchst, oder dich absichtsvoll davon wegbewegst, dann verbindest du dich wieder mit der Welt.“

Ich erkannte, dass meinen Weg den Berg hochzustampfen, auch ein Zeichen gewesen war für eine nahende Verstörung – eine Art Protestmarsch. Wenn in diesem Moment ein Rehkitz am Waldrand gestanden hätte, wäre ich wahrscheinlich geradewegs daran vorbeimarschiert.

Der Rest unseres Spaziergangs war leicht. Wir plauderten erneut über belanglose Dinge, hörten uns und den Vögeln zu, nahmen die Bäume bewusst war und später die sich nähernden Autos, als wir wieder die Hauptstraße erreicht hatten.

Ich kam zuhause an, warm, verschwitzt und belebt. Nachdem ich meine Beine auf der Treppe zu unserer Haustür gestretcht hatte, nahm ich einen schönen tiefen Atemzug, atmete ihn wieder aus und ging die Stufen hoch, um mit meinem Tag weiterzumachen.

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