Entspannt und verliebt in die Menschheit

von Stefanie Lueck
Stefanie seated in front of her colorful painting

Ich bin bildende Künstlerin und habe ein wachsendes Unternehmen. Meine Arbeiten wurden in Galerien und auf Kunstmessen überall auf der Welt gezeigt, von meiner Heimat Deutschland bis hin zum Ausland. Obwohl ich bald eine Ausstellung in China habe, bin ich stets bestrebt, mein Angebot zu erweitern. Deshalb besuchte ich kürzlich eine Kunstmesse, auf der Geschenke, Dekoartikel und Schreibwaren präsentiert wurden. Meine Idee war, Kontakte zu Unternehmen zu knüpfen, die Postkarten, Papierservietten und ähnliche Produkte herstellen, in der Hoffnung, einige meiner Illustrationen lizenzieren zu können.Stefanie seated in front of her colorful painting

Diese Kunstmesse fand in Frankfurt am Main statt, sechs Autostunden von meinem Zuhause entfernt. Deshalb buchte ich ein Hotel. Als ich ankam, war es bereits dunkel. Ich war überrascht, dass mein Hotelzimmer wie eine Klosterzelle aussah – sehr klein, alles dunkel gestrichen, ein Bett aus Eisenstangen. Nachdem ich in der Nähe zu Abend gegessen hatte, kehrte ich in mein Zimmer zurück, konnte mich aber nicht entspannen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einschlief.

Am nächsten Morgen wurde es noch schlimmer. Als ich mein Auto aus dem Parkhaus holen wollte, kam ich nicht hinein – die Garageneinfahrt war verschlossen.

Schließlich schaffte ich es, mein Auto aus der Garage zu bekommen und zur Messe zu fahren. Wegen Bauarbeiten dauerte es allerdings eine Stunde länger, den Besucherparkplatz zu finden. Ich war schon im Verzug und merkte plötzlich, dass die Messe viel größer war als erwartet. Sie war riesig, überfüllt und ich fand sie überwältigend. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Nachdem ich einen Plan studiert hatte, schlenderte ich über die überfüllte Messe zwischen lauter hektischen Menschen. Ich ging durch zwei riesige Hallen voller Schreibwaren, aber alle Firmen kamen entweder aus China oder Korea und hatten kein Interesse an der Zusammenarbeit mit Freiberuflern. Ich fühlte mich gestresst und frustriert, ganz zu schweigen von meiner Müdigkeit und völligen Orientierungslosigkeit.

Plötzlich bemerkte ich, dass ich angespannt war. Ich bemerkte es einfach – sah es deutlich, ohne es zu bewerten. Und in diesem Augenblick fühlte sich alles anders an.

Ich erinnerte mich an die vergangene Woche: Ich hatte beim Podcast „Being Here“ angerufen und mit den Moderatoren Ariel und Shya Kane gesprochen. Durch unser Gespräch wurde mir klar, wie angespannt ich in letzter Zeit gewesen war – angespannt wegen der Gesundheit meines Mannes, unserer Finanzen, meiner Karriere … einfach angespannt.

Zurück auf der Messe ließ die Anspannung in meinem Körper einfach nach, als ich sie bemerkte. Ich ging hinaus, atmete tief durch und ging dann wieder hinein. Ich erlaubte mir, einfach zu sein … müde zu sein, mich unsicher und verletzlich zu fühlen. Aber ich erlaubte mir auch, dort zu sein, wo ich war – auf dieser geschäftigen, überfüllten Messe.

Ehe ich mich versah, fand ich mich in der perfekten Halle wieder, umgeben von einigen großartigen Unternehmen. Zu meiner Freude stieß ich auf eine Firma aus Großbritannien namens OHH DEER und musste lachen. Ich hatte ein Gemälde mit dem Titel OH DEER* gemalt, inspiriert von einem von Ariels Fotos, und es ist eines meiner Lieblingsbilder. Die Firma sah fantastisch aus. Der gesamte Stand war rosa mit hellem Holz, und sie hatten die schönsten Postkarten. Sie waren an der Zusammenarbeit mit Freelancern interessiert, und ich stehe jetzt mit dem Mitgründer und Designleiter in Kontakt.

Colorful painting of a deer, plants, and an urban scene

Auf der Messe war es immer noch voll und hektisch, aber ich hatte Spaß und knüpfte Kontakte. Anschließend schlenderte ich in ein Restaurant am Rande des Messegeländes für ein spätes Mittagessen. Ich kaufte mir Hühnersalat und Mangosaft und fand dann einen freien Platz an einem Tisch mit drei Leuten, die Russisch sprachen. Als ich fragte, ob ich mich setzen dürfe, machte einer der Männer eine einladende Geste und die Frau rückte ihre Tasche beiseite. Es fühlte sich so einfach an. Als sie gingen, kamen zwei weitere Männer. Ich lud sie mit einer Geste ein, sich zu setzen. Sie schienen Hindi zu sprechen, lächelten mich an, als sie sich setzten, und sagten etwas, das ich als „Guten Appetit“ interpretierte. Ich lächelte zurück. Hinter mir hörte ich jemanden Portugiesisch sprechen. Links von mir ließ eine vorbeigehende Frau ihr Handy fallen, und als ich es aufhob, strahlte sie und sagte: „Grazie“.

Da saß ich nun, mit meinem halb aufgegessenen Salat und meinem viel zu süßen Mangosaft an diesem überfüllten, lauten, chaotischen Ort, war ganz entspannt und verliebte mich in die Menschheit.

Ohne Transformation wäre das nicht möglich gewesen. Nach dem dunklen Hotel, dem Parkhaus-Drama und der überfüllten Messe wäre ich normalerweise genervt gewesen und hätte alles und jeden für meine Frustration verantwortlich gemacht. Stattdessen saß ich da und fühlte mich reich, gesegnet und erstaunt über die Schönheit der Menschheit – ihre Farben, ihr Lächeln, ihre Sprachen. Ich fühlte mich wie ein Kind, das gerade entdeckt hatte, dass es mit all den schönen, farbenfrohen Menschen um sich herum spielen konnte.

*(Anm. d. Übers.: Dies ist ein Wortspiel, weil das Wort deer [der Hirsch] so klingt wie dear [oh dear – ach herrje]; oh deer wäre also „Oh Hirsch“.)

https://www.stefanielueck-art.de/

Being Here Podcast

Painting of a beach scene with a ladder, wolf, and person with an umbrella

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