Kleine Tina

Kleine Tina

von Ariel

Ich hatte eines Nachts einen Traum. Es war einer dieser nervigen Träume, wo ich einen Auftritt hatte und nicht vorbereitet war – ich hatte kein Lied oder Monolog parat. Ihr wisst, welche Träume ich meine.
Wir saßen in einem dunklen Raum mit Bänken am Rand. Einer nach dem anderen trat auf und wenn mir nichts einfiel, würde ich durchfallen. Schließlich sagte der Dozent: „Wer war noch nicht dran? Ich möchte niemanden auslassen.“ Einige von uns meldeten sich. Ich versuchte immer noch, ein Lied zu erinnern, das ich singen könnte und dessen Text ich kannte und „Happy Birthday“ erschien einfach nicht so ganz passend.
Eine Freundin von mir, Susan, die gerade eine sehr eigenwillige Version von Shakespeare aufgeführt hatte, sagte: „Du musst nichts aus dem Gedächtnis aufsagen, du kannst ein Gedicht vorlesen. Ich weiß, wo ein guter Gedichtband zu finden ist. Komm mit, Ariel, hier entlang,“ sagte sie, als sie mich bei der Hand nahm und in den Nebenraum führte, in eine gläserne Gartenlaube voller Fenster und Sonnenlicht.
Susan hockte sich vor eine gläserne Vitrine, schob die Tür auf, nahm ein schmales Buch heraus und gab es mir. Ich schlug das Buch auf und erwartete Gedichte. Stattdessen war es ein Bilderbuch. Jede Seite war ein Bild. Es gab keine gedruckten Worte in diesem Buch – dort stand nichts, was ich hätte aufführen können. Als ich es durchblätterte, fand ich irgendwann eine Seite mit einem Straußenfederfächer. Als ich dort hin blätterte, wurde der Fächer lebendig und ich konnte sehen, wie die Federbärte im Luftzug tanzten, der vom Umblättern und von meinem Atem kam. Und ich hatte eine Eingebung: Ich würde in den dunklen Raum zurück gehen, wo jeder auf seinen Auftritt wartete, und ich würde ich selbst sein. Ich würde eine Geschichte kreieren statt ein Stück aufzuführen. Ich würde eine Geschichte für Kinder erzählen, weil die Menschen in meinem Publikum alle kleine Kinder in großen Körpern waren, mit allen Ängsten und Unsicherheiten eines kleinen Kindes.
Und so erzählte ich die Geschichte der kleinen Tina. Tina war ein kleines Mädchen, die vergaß, wer sie war. Sie dachte fälschlicherweise aufgrund ihrer Größe, sie sei klein, dabei hatte sie vergessen, wie groß, stark und mächtig sie tatsächlich war. Und als ich die Geschichte erzählte, wurde mir klar, dass ich das Ende nicht kennen musste. Ich konnte mir alles ausdenken, während ich erzählte – in dem Moment, in Übereinstimmung mit denen, die zuhörten. Ich konnte auf der Brise des Moments tanzen, abgestimmt auf meine Umgebung, genauso wie Federspitzen sich im kleinsten Windhauch bewegen. Als ich erzählte, rückte das Publikum näher. Sie waren in den Moment hineingezogen worden und hatten die Geschichte ihrer eigenen Unzulänglichkeiten vergessen, weil sie so gefesselt von Tinas Geschichte waren.
Und in meinem Traum verließ ich den Aufführungsraum, während mein Traum-Selbst seine Geschichte wob. Als ich aufwachte, wurde mir klar, dass es egal war, wo die Geschichte sich hin entwickelte oder was mit Tina geschah. Ich brauchte das Ende nicht zu wissen. Die Geschichte zu erzählen war genug. Es war befriedigend und ausnahmsweise wachte ich mit einem Gefühl des Wohlbefindens auf, weil ich nichts aufgeführt hatte. Ich merkte, es war genug, ich selbst zu sein.

 

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