Tiefgehend und bedeutungsvoll – bedeutungsvoll und tiefgehend

Tiefgehend und bedeutungsvoll – bedeutungsvoll und tiefgehend

The River Cam in Cambridge, EnglandEs war ein später Samstagnachmittag in Cambridge in England und wir hatten nur zehn Minuten unseres Seminars übrig. Die Gruppe saß vor uns, schaute uns an und erwartete von uns eine Vorgabe, Inspiration oder ähnliches. Die Unterhaltung war ins Stocken geraten, als die Leute damit rangen, wie sie sich ausdrücken könnten. Ariel und ich hatten ihnen angeboten, dass wir früher Schluss machen, aber alle saßen auf ihren Stühlen festgenagelt und wollten bis zum Ende durchhalten in der Hoffnung, dass jemand anderes aufsteht und einen rettenden Einfall hat.

Als die Spannung zunahm, wurde ich mir meiner Umgebung bewusst. Auf meiner rechten Seite hinter dem Tisch, auf dem unsere Bücher arrangiert waren, war der Fluss Cam aus dem Fenster zu sehen. Es war ein sonniger Julitag und die Bäume waren dunkelgrün belaubt; ich konnte weiter weg Menschen hören. Direkt vor mir war der Ausblick nicht so pittoresk. Aus dem Fenster blickte man direkt auf eine Mauer. Als ich direkt geradeaus schaute und geduldig darauf wartete, dass jemand etwas sagen wollte, erinnerte ich mich plötzlich an einen Witz, den mein Vater Max einem Rabbi erzählt hatte, als der ihn am Sterbebett besuchte. Der Rabbi, der im Krankenhaus als Freiwilliger seine Dienste anbot, kam vorbei und kniete an der Seite meines Vaters nieder, um ihm in seinen letzten Stunden beizustehen. Mein Vater schaute ihn an und sagte: „Ich möchte dir einen Witz erzählen.“ Der Rabbi setzte sich zurück auf seine Fersen und schaute meinen Vater erwartungsvoll an.

„Es gab da einen Mann, der zur Klagemauer in Jerusalem ging, an der Menschen zu Gott beten,“ sagte Max. „Als der Mann mit Beten fertig war, kam ein anderer Mann auf ihn zu und fragte: ‚Hast du da Gott gefühlt?‘ Der Mann dachte für einen Moment nach und antwortete dann: „Manchmal ja – und zu anderen Zeiten fühlt es sich an, als würde ich mit einer Wand reden.“

Ariel und ich fanden den Witz sehr witzig; der Rabbi nicht so. Es war der erste Witz, den ich jemals meinen Vater erzählen hörte, und ich fand es beeindruckend, dass mein Vater seinen Sinn für Humor behalten hatte, als sein Leben auf dieser Erde zu Ende ging. Ich bewunderte seinen Mut und Witz.

Als mein Blick wieder zurück auf die Individuen fiel, die an jenem Tag in dem Raum saßen mit der Mauer hinter ihnen, lächelte ich und dachte bei mir: Ja, manchmal ist das hier wie ein Gespräch mit Gott und manchmal ist es wie mit einer Wand zu reden.

Plötzlich sprang Ariel aus ihrem Stuhl auf, ging vor mir vorbei und stand an meiner Seite in dem Bereich, wo die Teilnehmer gestanden hatten, wenn sie etwas sagen wollten. Normalerweise kann ich voraussagen, was sie sagen wird, wenn auch nicht die genauen Worte, dann doch inhaltlich die grobe Richtung. Sie und ich neigen dazu, ähnlich zu denken, und manchmal ist es, als ob sie die Worte direkt aus meinem Kopf heraussaugt und ich höre sie aus ihrem Mund kommen – aber diesmal war es anders. Ich war neugierig zu sehen, was als nächstes passiert. Zu meiner großen Überraschung stand sie da und sagte etwas Tiefgehendes und Bedeutungsvolles. Um genau zu sein, wartete sie einen Moment und sagte:

„Tiefgehend. Und bedeutungsvoll.“

Dann machte sie eine Pause, schaute noch einmal in die Gesichter und sagte sehr ernsthaft und aufrichtig die Worte:

„Bedeutungsvoll. Und tiefgehend.“

Dann setzte sich Ariel zurück auf ihren Stuhl und sagte: „Ich dachte, wir beenden den Abend mit etwas Tiefgehendem, Bedeutungsvollen.“ Als alle auflachten, setzte sie fort: „Ihr sucht nach etwas Tiefgehendem, Bedeutungsvollen, was ihr sagen könnt, anstatt zu bemerken, dass ihr den Impuls habt, etwas beizutragen, und euch dann die Erlaubnis gebt, genau das zu tun. Ich bin einfach nur diesem Impuls gefolgt.“

Ich übernahm ab da. „Wir haben alle Angst, Fehler zu machen. Deswegen hinterfragen wir, was wir zu sagen haben. Was würde passieren, wenn ihr euch die Erlaubnis gebt, einfach ihr selbst zu sein und euch Ausdruck zu verleihen, ohne zu versuchen, ‚tiefgehend und bedeutungsvoll‘ zu sein oder gut auszusehen, gemocht zu werden oder einen wichtigen Beitrag zu leisten?“

Wie ich hier sitze und diesen Artikel schreibe, muss ich an meine eigenen Worte an die Teilnehmer an jenem Tag denken. Ich muss nicht etwas Wichtiges zu sagen haben. Ich muss nur willens sein, etwas zu sagen, und bemerken, dass es in jedem gegebenen Moment reicht, ich selbst zu sein und auszudrücken, was ich zu sagen habe.

Du bist genug. Deine Perspektive ist einzigartig und nur deine. Deine Stimme kann nicht von jemand anderem repliziert werden. Nicht einmal Ariel kann meine Stimme replizieren, obwohl es Zeiten gibt, an denen unsere Botschaft sehr eng miteinander verflochten ist. Ich möchte schließen, indem ich einfach demonstriere, was passiert, wenn ich die Einladung annehme, mir selbst Ausdruck zu verleihen: Mein Leben und die Erfahrung meines Lebens werden magisch, immer und immer wieder.

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