Süße, süße Intimität

von Ariel Kane

Süße, süße Intimität

Es war Mitternacht, eine Woche vor Weihnachten, und Shya und ich waren gerade auf dem Portland International Airport in Portland, Oregon, gelandet. Nachdem wir ausgestiegen waren, fuhren wir die Rolltreppe zur Gepäckausgabe hinunter. Wir waren müde von der langen Reise quer über das Land, aber froh, wieder auf dem Boden zu sein. Als wir die Gepäckausgabe erreichten, war ein Flug aus San Francisco vor uns in der Warteschlange, so dass es noch ein paar Minuten dauern würde, bis wir unser Gepäck entgegennehmen konnten. Während ich mich an Shya lehnte, beobachtete ich die Menschen um mich herum. Ich sah eine junge Soldatin in einer Camouflageanzug. Ich vermutete, dass der junge Mann, der neben ihr stand, ihr Freund war, und ich dankte ihr im Stillen für ihren Dienst und wünschte ihr ein unversehrtes Leben im kommenden Jahr. Ein Kleinkind rannte um die Reisenden herum, und seine Mutter ermahnte es mit Humor: “Pass auf, John! Diese Leute könnten dich überrennen und dann wärst du platt, John!” Seine Augen wurden groß, er schaute auf und sah, dass überall Leute um ihn herum waren, und setzte ein leicht verschmitztes, engelhaftes Lächeln auf. Andere müde Kinder weinten aus Protest. Leute kamen und gingen. Und dann, vor meinen Augen, ein Moment süßer, süßer Intimität. Ein Mann um die 60, lässig in Jeans und Hemd gekleidet, erblickte seinen Sohn – einen Mann Anfang 40, eine schlankere, jüngere Version seines Vaters. Als sie sich umarmten, war es eine lange, innige und herzliche Umarmung. Der Vater war mir zugewandt, als sie sich umarmten, und er drückte seine Augen zu, um die Erfahrung in sich aufzusaugen, wie ausgedörrtes Land, das lebensspendenden Regen aufnimmt. Sein Körper entspannte sich, während er sich mit der Essenz seines Sohnes füllte. In diesem Moment existierte für die beiden niemand – weder der Flughafen, noch die weinenden, übermüdeten Kinder, noch die Menge, die auf ihre Koffer wartete. Als sie auseinandergingen, hörte ich den Mann sagen: “Hast du deine Mutter schon gesehen?” Ich konnte die Antwort nicht mehr hören, als sie sich näher an das Förderband heran bewegten. Rings um mich herum erblühte ein Stück Leben, und ich fühlte mich dankbar, einer der Fäden in diesem Teppich der Menschlichkeit zu sein.

Ein paar Abende später saß ich mit meiner Mutter und meinem Vater auf der Couch. Sie waren beide Anfang 90 und mein Vater litt unter einem schweren Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Er war oft verwirrt, wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, und vergaß ein Gespräch innerhalb von Sekunden, nachdem er es geführt hatte. Das machte es für die beiden schwierig, eine sinnvolle Beziehung einzugehen. Aber Mom war auf etwas gestoßen, das er tun konnte und woran sie beide teilhaben konnten: Solitaire. Ein paar Monate zuvor hatte Mom gesehen, wie Shya Solitaire auf seinem iPad spielte, und dachte, dass es Spaß machen würde. Also half Shya ihr, das Spiel auch auf ihr iPad zu laden, und am Abend setzte sich Mom hin und genoss ein wenig Ruhe, während sie das Spiel spielte. Zu ihrer großen Überraschung stellte sie fest, dass Dad gerne mitspielte. Die meisten Unterhaltungen und die lineare Abfolge der Zeit waren ihm zwar verwehrt, aber die Aufforderung, die rote Herz Vier zu verschieben und auf die schwarze Fünf zu legen, war es nicht. Es war visuell. Es ging nur darum, zu sehen und zu erkennen, was im Moment gebraucht wird. Und mit Mom‘s nachlassender Sehkraft, half er ihr, keine Züge zu verpassen. Das Spielen von Solitär wurde zu einem Weg, um wieder mehr wertvolle Zeit miteinander verbringen zu können.

An diesem Abend, als Shya im Wohnzimmer ein Fußballspiel verfolgte, saß ich neben meinen Eltern auf der Couch, das in der Nähe der Küche stand. Ich las ein Buch auf meinem iPad und genoss es, einfach in ihrer Nähe zu sein. Gelegentlich schaute ich hinüber, um den Verlauf des Kartenspiels zu verfolgen, vor allem, wenn ich meinen Vater sagen hörte: “Geri, die Neun kommt auf die Zehn.”

Irgendwann wurde es sehr still. Ich schaute hinüber, und Mom war eingeschlafen, während ihr kleiner Finger über den Bildschirm glitt und ihr Kopf nach unten sank. Ich lehnte mich nach vorne, um an ihr vorbei meinen Vater anzusehen, der sich ebenfalls nach vorne lehnte. Wir schenkten einander ein Lächeln. Dann lehnten wir uns gleichzeitig zurück, nur um uns spontan wieder nach vorne zu lehnen und einen weiteren intimen Moment zu teilen. Es war, als ob wir eine ganze Unterhaltung ohne Worte führen würden.

Mom schläft.

Ja, das tut sie.

Ich hab dich lieb!

Ich liebe dich auch.

Der Moment war tiefgreifend. Die Liebe zwischen uns floss und umhüllte meine Mutter, während sie schlief. Wir spürten eine tiefe Verbundenheit, die nicht auf der Vergangenheit beruhte, sondern in diesem Augenblick wurzelte. Dad erinnerte sich natürlich nicht daran. Aber das brauchte er auch nicht. Nicht einmal ich musste mich daran erinnern, um die Liebe zu spüren, die wir alle teilten. Aber ich bin so dankbar, dass ich meine Eltern bis weit in ihre Neunziger hinein in meinem Leben haben durfte. Noch dankbarer bin ich, dass sich all meine alten kindlichen Ressentiments in Luft aufgelöst haben, sodass ich die Reinheit und Süße des Zusammenseins mit ihnen in ihren letzten Lebensjahren genießen konnte.

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