Shya, wird aus dir jemals etwas Anständiges werden?

von Shya Kane

Shya, wird aus dir jemals etwas Anständiges werden?

*(im englischen Original wird das Wort ‚Mensch‘ verwendet. Es kommt aus dem Jiddischen und bedeutet „eine Person der Integrität und der Ehre“. In diesem Sinne wird das Wort ‚Mensch‘ auch in der nachfolgenden Übersetzung verwendet)

Es war 1957, ich war 16 Jahre alt und am Straucheln. Ein Teenager in Schwierigkeiten, ich litt an Legasthenie und konnte kaum lesen. Irgendwie habe ich es irgendwann durch die Oberschule geschafft und einen Universitätsabschluss erreicht, aber zu der Zeit war mein Schicksal recht ungewiss. Es war kaum vorherzusagen was aus mir werden würde, aber die Dinge lagen nicht gut. Zu der Zeit war Schulschwänzen an der Tagesordnung, und die Lehrer und die Verwaltung nahmen es kaum zur Kenntnis – und meine Familie genauso wenig. Sie waren zu beschäftigt. Meine Schwester war dabei, an Krebs zu sterben, ein langwieriges Martyrium. Verständlicherweise hatten meine Eltern viel zu bewältigen. Es waren einfache Leute, die sich verloren hatten in der fortbestehenden Tragödie des Verfalls ihrer Erstgeborenen.

Ich glaube, dass sie wussten, dass ich ins Trudeln geraten war, aber ich war in diesen schwierigen Pubertätsjahren und machte es ihnen nicht einfach. Irgendwann entschieden meine Eltern mich für längere Zeit aufs Land zu schicken, zu einer Dame, die in der Kleiderfabrik meines Vaters arbeitete.

Line und Ben Veloski lebten in Spring Valley im Staat New York. Es war Sommer und Ben nahm mich mit zum Angeln. Jetzt fällt es mir schwer mich an Details zu erinnern, aber ich weiß noch, dass Ben mich früh weckte, um zum See runter zu gehen. Angeln war bereits eine meiner Leidenschaften, aber er hatte einen Angelstil, der ziemlich langweilig war für einen Teenager. Wir saßen in einem Ruderboot, warfen einen kleinen Fisch an einem Haken über Bord, und dann saßen wir da und beobachteten den Schwimmer wie er an der Oberfläche dahintrieb, und warteten darauf, dass ein Fisch anbeißen würde. Manchmal geschah es nie. So verbrachten wir die Zeit damit, Brandy aus seinem Flachmann zu trinken. Während sich die Flüssigkeit ihren Weg nach unten brannte, pflegte Ben zusagen, „Sag Lina nichts davon.“

Dann lernte ich ihren Sohn Marvin kennen, einen Enddreißiger. Bald entpuppte er sich als jemand, zu dem ich aufsah. Er war nicht nur geduldig und freute sich darüber, dass ich mich an seine Fersen heftete. Marvin betrieb eine andere Art des Angelns – eine, bei der man einen Köder auswirft und ihn dann wieder hereinholt, indem man die Schnur wieder aufwickelt. Dies war aktiv und viel aufregender. Wir ruderten hinüber zu den Seerosen, wo die Fische sich herumtrieben. Von dort aus konnte ein gut platzierter Wurf belohnt werden mit einem explosiven Ruck des Kleinmaul-Schwarzbarsches. Ziemlich bald angelte ich nicht mehr mit Ben sondern war regelmäßiger Gast in Marvins Haus.

In den nächsten zwei Jahren war ich ein regelmäßiger Wochenend- und Sommergast in Marvins Heim. Er war von Beruf Hochschullehrer und durch ihn bekam ich nach und nach Respekt davor, eine Ausbildung zu bekommen. Marvin hatte einen Lieblingsspruch in Bezug auf mich. Er sagte es auf jiddisch, dessen ich nicht wirklich mächtig war, aber grob übersetzt besagte es, „Shya, wirst du je ein ‚Mensch‘ sein?“ Was er damit wirklich sagte war, „Wirst du einen Unterschied bewirken mit deinem Leben? Wirst du etwas beitragen zur Menschheit, anstatt zu beweisen, dass deine Eltern es falsch gemacht haben?“

Es ist mehr als 60 Jahre her, dass ich Marvin das erste Mal getroffen habe. Seither ist meine Leidenschaft für das Angeln stetig gewachsen und ich bin an Plätze gereist, die meine wildesten Erwartungen übertroffen haben. Ich habe meine eigene Familie großgezogen. Ich habe geheiratet, wurde geschieden bin erneut verheiratet – nunmehr seit über 30 Jahren. Wie Marvin, bin ich jetzt ein Lehrer. Ich hätte nie gedacht in diesen schwierigen Jahren, in denen ich so sehr damit beschäftigt war herauszufinden, wer ich war und was der Sinn meines Lebens ist, dass dies möglich war.

Als meine Mutter auf ihrem Totenbett lag, schaute sie mich an und sagte, „Shya, ich hatte nie geglaubt, dass du es schaffen würdest. Aber das hast du. Aus dir ist etwas geworden. Ich bin so stolz auf dich.“

Und um deine Frage zu beantworten, Marvin: „Ja. Ich bin ein ‚Mensch‘ geworden. Mir ist klar geworden, dass es möglich ist, als Kind ein absolutes Schlamassel zu sein, aber dann heranzuwachsen, um einen Unterschied in dieser Welt zu bewirken. Eine schwierige Kindheit zu haben bedeutet nicht, dass dieser jetzige Augenblick meines Lebens nicht befriedigend sein kann, erfüllend und perfekt. Ganz besonders, wenn ich meine Aufmerksamkeit wegnehme von mir selbst, und mich um die Leute um mich herum kümmere.

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