Schwedische Verwandtschaft

von Karin R.

Schwedische Verwandtschaft

Ich hatte mich schon einige Zeit nicht gut gefühlt und war sehr erschöpft. Im Gegensatz zu früher bot schlafen keine Erholung mehr, zu arbeiten war mittlerweile fast unmöglich geworden. Im Juni wurde Morbus Waldenström bei mir diagnostiziert, eine seltene Form von Blutkrebs, benannt nach dem schwedischen Wissenschaftler Jan Gösta Waldenström.

Waldenström ist ein bösartiges, langsam wachsendes Non-Hodgkin-Lymphom. Die gute Nachricht ist, dass dank hochwirksamer Therapien eine gute Remission, das heißt eine Abschwächung der Symptome, möglich ist. Patient:innen können ein normales Leben führen und durchaus “steinalt” werden, auch wenn die Krankheit als solche nicht heilbar ist. Sie wird ein Teil meines Lebens bleiben.

Die Diagnose als solche war zwar eine Überraschung, zugleich waren mein Mann Lutz und ich erleichtert, dass nach mehreren Wochen mit Blutanalysen, MRT und Knochenmarkbiopsie das Kind nun einen Namen hatte und ich mich behandeln lassen konnte.

Ich nehme seit etwa 15 Jahren an Seminaren über das Leben im Augenblick mit Ariel & Shya teil. Lutz ebenso, seit wir uns im Oktober 2017 kennengelernt haben.
Wir merken beide, dass wir davon profitieren, über die Jahre den Muskel trainiert zu haben, im Augenblick zu leben und uns um das zu kümmern, was unmittelbar zu tun ist, statt uns in Zukunftssorgen oder gedankliche Dramen zu verlieren. Nach der Diagnose haben wir sofort unsere weitere Planung geändert; Anfang Juli habe ich mit einer Chemotherapie begonnen. Geplant sind vier bis sechs Zyklen zu je zwei Tagen mit vier Wochen Pause dazwischen. Mein Hämatologe und sein Team sind toll – hochprofessionell, zugewandt, pragmatisch und humorvoll zugleich. Ich habe das Gefühl, in guten Händen zu sein.

Die Chemotherapie ist kein Zuckerschlecken, wenngleich meine recht verträglich ist und ich keinen Haarausfall habe. Jeder Zyklus fühlt sich anders an. Im Allgemeinen bin ich 8-10 Tage lang mehr oder weniger außer Gefecht gesetzt, gefolgt von zwei “normalen” Wochen, bevor die nächste Runde beginnt.
Jetzt, da ich diesen Blogbeitrag schreibe, steht in Kürze der vierte Zyklus an.
Wenn ich auf die vergangenen Monate schaue, sind Schlüsselelemente für mein (und unser) Wohlbefinden in dieser Zeit Kommunikation, Zuhören und Humor.

Das Stichwort Krebs triggert Sorgen und Ängste bei den Menschen. Auf geschäftlicher Ebene kommuniziere ich nur wenig über meine Krankheit. Mit Familie, Freunden und Bekannten hingegen gehen wir sehr offen damit um. Wenn wir mit Leuten sprechen, stellen wir sicher, dass wir zuerst das “Happy End” kommunizieren, d. h. dass ich behandelt werde und es mir gut gehen wird. Auf diese Weise stürzen wir die Menschen (und uns selbst) nicht in ein gedankliches Drama.

Zuhören ist gleichermaßen wichtig. Die Menschen reagieren auf diese Nachricht mit ihren eigenen Erfahrungen und Sorgen. Je mehr ich ihnen zuhöre, desto mehr entspannen sie sich. Ich hatte sehr inspirierende und persönliche Gespräche mit Personen, die mir vom Verlust eines geliebten Menschen oder von ihrer eigenen Behandlung berichteten; Freund:innen ebenso wie Mitpatient:innen im Behandlungszentrum. Manchmal muss ich Mut fassen, zuzuhören, denn das Thema ist mir selbst auch unbehaglich. In solchen Momenten hilft es mir, tief durchzuatmen und mein eigenes Unbehagen ehrlich zu spüren. Dann kommt es zu einer echten Begegnung – sowohl mit mir selbst als auch mit meinem Gegenüber.

Lutz unterstützt mich in jeder nur möglichen Weise. Er hat mir auf unserer Veranda ein herrliches, schattiges Plätzchen zum Ausruhen bereitet, hat leckere Ideen fürs Essen, wenn mir übel ist, und vor allem bringt er mich zum Lachen. An manchen Tagen, wenn ich mich furchtbar fühle und ihm erzähle, was in meinem Kopf oder in meinem Körper vor sich geht, hört er mir zu. Das allein tut schon enorm gut. Meist kommt er dann mit etwas völlig Unerwartetem um die Ecke, das uns beide zum Lachen bringt (und mich ablenkt). Humor hilft. Ihm zuzuhören ist ebenso wichtig: Manchmal spürt er deutlich bevor ich es selbst merke, dass ich eine Pause brauche.

Ich betrachte Waldenström als meine schwedische Verwandtschaft. Man kann sich seine Verwandten nicht aussuchen. Ich wusste nicht einmal, dass ich sie habe; sie sind ganz unerwartet aufgetaucht. Sie werden weiterhin Teil meines Lebens sein, wenngleich Lutz und ich davon ausgehen, dass sie nach diesem längeren Besuch “ausziehen” und wir sie in Zukunft nur noch gelegentlich sehen werden.

Und obwohl diese Krankheit überraschend kam, bietet sie zugleich viele Begegnungen und Momente, für die ich sehr dankbar bin.

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