Mut

von Ariel Kane

Mut

Normalerweise halte ich mich selbst nicht für eine mutige Person. Aber wenn ich das Thema aus einem größeren Blickwinkel betrachte, ist mir klar geworden, dass Mut nicht nur in Zeiten des Verlustes oder während sehr stresserfüllter bedeutsamer Ereignisse stattfindet. Das Leben fordert uns alle jeden Tag heraus, und wir haben die Neigung zu unterschätzen, was nötig ist, die Wahl zu treffen, die uns Lebendigkeit bringt.

Kleine Dinge, alltägliche Handlungen, die kleinen Details des Lebens, all dies ist sozusagen eine Materialprüfung meiner selbst – werde ich diese Teller im Ausguss abwaschen oder meine Zähne putzen, wenn ich völlig erledigt bin? Werde ich meine Füße morgens auf den Boden setzen und die Dinge angehen, als wären sie meine Idee gewesen, oder werde ich sie als Last empfinden, wenn ich sie erledige? Werde ich mir Gehör verschaffen und um Hilfe oder Klärung bitten, wenn ich etwas nicht verstehe oder bleibe ich still? Und wenn ich es irgendwie nicht schaffe, meine eigenen persönlichen Erwartungen zu erfüllen, wie ich sein oder handeln sollte, werde ich mir selbst für dieses – aus meiner Sicht – Versagen vergeben und weitermachen. Das sind alles winzige Momente von Mut, die, wenn man sie freundlich im Gesamten betrachtet, die Qualität unseres Lebens formen.

Vielleicht ist es einfacher, unser mutiges Wesen zu missachten oder zu vergessen. Möglichkeiten, die wir gewählt haben, Wahlen, kleine und große, die wir schon vor Jahren getroffen haben, letzten Monat oder gestern, haben die Tendenz wegzudriften auf dem Fluss der Zeit. Wir sind oft so sehr damit beschäftigt unser Leben zu leben, dass wir nie innehalten, um zu würdigen, wie tapfer wir waren.

In den frühen Jahren meines jungen Erwachsenseins, folgte ich einer Ahnung und zog von Oregon nach New York City um Schauspiel zu studieren. Mit neunzehn Jahren war ich mir nicht sicher, ob Schauspielerei die Berufung meines Lebens sein würde, aber mit meiner fruchtbaren Fantasie konnte ich mir einen anderen Weg vorstellen. Ein anderes Leben – eines in dem ich es nicht mal versuchte, wo ich mich niederließ … eines in dem ich mich begnügte. In diesem verschwommenen Bild eines alternativen Lebensweges, blieb ich in Oregon, weil ich Angst davor hatte, quer über das Land umzuziehen, mit nichts anderem als einem Traum. In diesem Szenario heiratete ich schließlich und hatte einen Ehemann, ein paar Kinder, ein Heim und noch etwas – vielleicht einen zusätzlichen Job, um meine Zeit zu füllen. Wenn ich dem Gedankenfaden dieser Möglichkeit mit meinem inneren Auge folgte, wusste ich instinktiv, dass es maßlos unfair wäre gegenüber der Person, mit der ich mich niederließe. Wenn ich mir diese Zukunft vorstellte, konnte ich sehen, wie ich mich selbst langsam in eine verbitterte Person verwandelte, bedauernd, dass ich es nicht versucht hatte, pausenlos auf mir herumhackend, dass ich mich vor dem Unbekannten abgewendet hatte. Ich würde mich über meine Lebensentscheidungen ärgern und im Weiteren über jeden der so dumm war, sein Herz an meines zu hängen. Diese meine Intuition, den Schritt in das Unbekannte zu wagen, hat mich nie in die Irre geführt.

Immer meiner Nase nach war einfach für mich – außer in den Zeiten, in denen ich offensichtlich etwas zu verlieren hatte. In diesen Augenblicken bedarf es des Mutes, in meine Wahrheit zu treten und meinen Herzenswünschen zu folgen. Tapferkeit und wahrer Mut finden auch in den Momenten statt, wenn ich die Gnade habe, meine Vergangenheit loszulassen, wenn ich bereit bin, meine Lebensentscheidungen nicht zu hinterfragen, wenn ich willens bin, fortzufahren als ob dieser Augenblick perfekt ist und ich willens bin zuzugeben, dass auch ich perfekt bin – inklusive meiner Macken und Eigenarten. Willens zu sein ich zu sein, keine verwässerte Version von jemandem, von dem/der ich mir wünsche er/sie zu sein – dazu braucht man Mut.

Hmmm. Ich schätze ich hab mich die ganze Zeit selbst unterschätzt. Und wie sieht’s bei dir aus?

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