Juwelen

von Ariel

Juwelen

Viele Menschen befinden sich in der herausfordernden Situation, dass ihre Eltern altern. Es ist schwer mitanzusehen, wie eine geliebte Person gebrechlicher wird, vor allem wenn er oder sie dement wird. Wenn ich mit Menschen spreche, die mit dem gesundheitlichen Abbau ihrer Eltern kämpfen, schlage ich vor, die Juwelen zu wertschätzen, die in jedem Moment vorkommen, anstatt zu versuchen, dafür zu sorgen, dass es dem eigenen Vater oder der Mutter „besser“ geht. Es stimmt zwar, dass wir bisweilen älteren Menschen helfen können, ihre Gesundheit nach einem Unfall oder einer Krankheit wiederzuerlangen, aber wir können sie nicht vor dem Lauf des Lebens retten. Wie wir alle zumindest vom Verstand her wissen, endet das Leben irgendwann. Und mit Demenz fühlt es sich häufig so an, als ob das Leben im Schneckentempo wegbricht.

Hier kommt eine Art Chronologie der voranschreitenden Demenz meines Vaters. Ich verstehe dies als ein Tribut an ihn und an all jene, die Menschen mit diesem Gebrechen lieben und versorgen.

Hier kommt eine Art Chronologie der voranschreitenden Demenz meines Vaters. Ich verstehe dies als ein Tribut an ihn und an all jene, die Menschen mit diesem Gebrechen lieben und versorgen.

Glücklicherweise war Papa immer ein sehr lieber Mann. So bleibt seine freundliche Art bestehen, auch wenn seine Erinnerungen und seine Fähigkeit zu sprechen und meine Schwestern und mich zu erkennen schwinden. Und die sehr kurzen lichten Momente sind Juwelen, die wir genießen.

Meine Mutter lebte am 90. Geburtstag meines Vaters noch und meine Schwestern, Shya und ich feierten alle mit ihnen zusammen nahe dem Columbia-Fluss in Oregon. Es gab leckeres Essen und Papa bekam Eiscreme und ein Stück Torte mit einer Kerze, um seinen Ehrentag zu feiern.

Nach dem Essen wollte Papa eine Zigarre (damals war er noch abhängig davon); also begleitete Shya ihn einen kurzen Flur hinunter, um hinauszugehen. Während sie dort entlang gingen, unterhielten sie sich:

„Ich bin verwirrt. Was passiert gerade?“ sagte Papa.

„Keine Sorge, Don, wir gehen nur gerade nach draußen, damit du eine Zigarre rauchen kannst,“ antwortete Shya.

„Wo sind wir?“ 

„Wir sind in einem Restaurant. Wir haben gerade deinen Geburtstag gefeiert mit Geri und den Mädchen.“

„Wirklich? Okay.“

Mit zunehmender Demenz gab es in Papas Erfahrung des Lebens keine wirkliche Kontinuität mehr, weil er sich offensichtlich nicht mehr an Dinge von gerade eben erinnern konnte und erst recht nicht an Ereignisse von gestern. Dennoch gab es manchmal Zugang zu entfernteren Erinnerungen durch den richtigen Auslöser – wie z. B. als wir das Evergreen-Museum besuchten, das voller alter Flugzeuge ist. An jenem Tag konnte Papa sich daran erinnern, dass er, als er sich beim Militär verpflichtete, zu den Fallschirmjägern wollte, weil sie ein paar Dollar mehr pro Woche bekamen und „echt coole Stiefel“ hatten. Zu seinem Verdruss fand er während der Grundausbildung heraus, dass er Höhenangst hatte!

In einem Stadium empfand mein Vater Schlaf und Träume als Unterbrechung der verwirrenden Anblicke und Geräusche sowie seiner unverbundenen Gedanken. Seine Träume waren real für ihn, Erfahrungen, die scheinbar kontinuierlicher waren und nicht so zerstückelt. Meine Mutter erzählte mir einmal, er sei nach einem Nickerchen aufgewacht und aus dem Schlafzimmer gestürzt mit den Worten: „Wo ist meine kleine Schauspielerin?“ Er hatte geträumt, ich sei noch ein Kind und würde in Theaterstücken auftreten. Das erschien ihm so real, dass er dachte, ich würde im Flur auf ihn warten. Als meine Mutter ihm erklärte, ich sei schon erwachsen, ging er zurück ins Bett und versuchte, wieder von mir zu träumen und so bei mir zu sein.

Langsam verlor mein Vater seine Sprache. Er genoss es, den kleinen Hund meiner Schwester namens Bijoux den ganzen Nachmittag zu streicheln, und bekannte Musik wirkte auf ihn beruhigend. Er verbrachte Stunden damit, die Hand meiner Mutter zu halten, und wenn ich zu Besuch war, die meinige. Einmal, als wir schon eine ganze Weile auf der Couch saßen, schaute er nach unten auf meine Turnschuhe, die leuchtend neon-orange, zitronengelb und hellgrün waren. Plötzlich sagte er: „Nächstes Mal kannst du ja mal ein Paar grelle Schuhe kaufen.“ Für einen Moment tat sich der Vorhang der Verwirrung auf und Papas Sinn für Humor zeigte sich.

Als mein Vater seinen 95. Geburtstag erreichte, hatte er schon einige Zeit in einem schönen familiengeführten Pflegeheim gelebt. Meine Schwester Mary und ich reisten an, um mit ihm den Tag zu feiern. Er hatte mehrere fröhliche Momente mit uns, was uns sehr freute. Später an demselben Tag gab es andere Momente, die schwer zu ertragen waren – Momente, in denen er Panik, Angst und Desorientierung erlebte.

Während ich dies schreibe, geht die Gesundheit meines Vaters weiter bergab. Er ist seit mehreren Monaten im Hospiz. Im März flog ich nach Oregon, um ihn zu besuchen, und er war verschlafen und verwirrt. Während meine Schwester Cathy und ich ihm bekannt vorkamen, war uns klar, dass er nicht so ganz zuordnen konnte, wer wir sind. Dennoch war seine Antwort, als Cathy seinen Rücken massierte und ihn fragte, ob sich das gut anfühle, ein aufrichtiges „Oh ja!“

Am letzten Tag meines Besuchs ging ich noch einmal zu ihm. Als ich zur Tür des Pflegeheims hineinkam, sah ich, dass er in einem Wohnzimmersessel saß.

Ich sagte: „Hallo Papa!“ und gab ihm einen Kuss. Und da passierte etwas Unglaubliches. Seine Augen wurden für einen Moment klar. Er legte seine Hand auf meine linke Wange und sagte: „Es ist schön, dich zu sehen.“ In dem Moment war Papa wirklich da, bei mir, und sah mich. Dann schmiegte er sich wieder in seinen Sessel und schlief ein.

Ich habe nicht erwartet, einen Tag mit meinem Vater zu verbringen, in dem wir gemeinsame Erinnerungen kreieren. Stattdessen habe ich verschiedene Momente gesammelt. Manche haben mit Schmerz, Verwirrung, Krankheit und Leid zu tun. Jenen Momenten bin ich mit Mitgefühl begegnet, habe sie angenommen und ihre Kanten weicher werden lassen mit der Zeit. Andere Momente halte ich im Herzen. Sie sind hell leuchtende Juwelen, die mit Freundlichkeit und Liebe funkeln.

Zusatz: Ich habe die Überarbeitung dieses Artikels am Dienstagmorgen des 17. Mai abgeschlossen. Meine Schwestern und ich hatten mehr als einen Tag lang Wache gehalten bei meinem Vater in seinen letzten Stunden – ich über Zoom. Ich wusste, während ich an den Juwelen arbeitete, dass sein Tod unmittelbar bevorstand, aber ich wollte über ihn noch im Präsens schreiben mit ihm als Teil dieser Welt. Papa starb später an jenem Tag, um 15:10 Uhr in der Zeitzone der Ostküste der USA. Don Van Zyl ist noch auf dieser Welt in meinem Herzen und in jenen, deren Leben er berührt hat – inklusive deinem.

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