Jene Kleine, Gar Nicht So Leise Stimme

Ein Auszug aus dem im Windpferd Verlag erschienen Buch: SEIN Die Kraft des Augenblicks: Durch die Unmittelbare Transformation das Leben mit neuen Augen sehen - Geschichten mit erleuchtender Wirkung

Jene Kleine, Gar Nicht So Leise Stimme

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beingherecoverGermanDieses Kapitel ist dem Thema gewidmet, auf jene kleine, leise Stimme zu hören, die normalerweise nicht darauf dringt, dass du ihr zuhörst; vielmehr wartet sie mit wertvollen Informationen auf, die, wie du oft im Rückblick erkennst, wichtig waren. Gewöhnlich taucht sie, ungeformt, auf als Gefühlseindruck, als blitzartiger Einfall oder als flüchtiger Gedanke. Später sagst du dann zu dir selbst: „Oh, das war damit gemeint. Ich wusste, ich sollte …”Diese Stimme unterscheidet sich von dem lauten inneren Radiosender, der jene alten, aber nicht so guten Ohrwürmer spielt, die Platten darüber, dass du es nicht schaffst oder nicht gut genug bist – die Platten, die du liebend gerne zertrümmern würdest, wenn sich dir die Chance dazu böte.

In der folgenden Geschichte bietet sich unserem Freund Ty die unleugbare Gelegenheit, wirklich auf sich selbst zu hören. Von Natur aus hartnäckig, war auch Tys Intuition hartnäckig und brachte ihn schließlich dazu, die Initiative zu ergreifen, obwohl er nicht an „so etwas” glaubte.

Ty, ein bodenständiger Bursche Mitte vierzig, hat rosige Apfelbäckchen und errötet leicht wie ein Jugendlicher. Von Beruf Farmer, verbringt er seine Tage damit, sich um seine Tiere zu kümmern, ihr Futter vorzubereiten, Arbeiter anzuleiten, Maschinen zu reparieren und im Wesentlichen die Farm Tag für Tag in Gang zu halten. Einmal erzählte er uns mit einem reumütigen Grinsen, dass seine Tiere alle plötzlich sterben müssten, damit er einen richtigen Urlaub nehmen könnte … vermutlich stimmt das tatsächlich.

Ty hatte studiert und einen akademischen Grad in Wirtschafts–und Finanzwissenschaft erworben, entschied sich aber dafür, zur Farm zurückzukehren, wie schon sein Vater vor ihm. Als einziges Kind hat er es übernommen, den Familienhof in Boring, Oregon, zu bewirtschaften. Man könnte ihn leicht unterschätzen, weil er so bescheiden ist, immer zu einem Lachen bereit und mit einem echten Interesse an Dingen, was ihn dazu veranlasst, Fragen auf eine arglose Art und Weise zu stellen, die andere peinlich finden könnten. Würdest du dich aber eines Tages hinsetzen und mit Ty zwanglos plaudern, dann würdest du die Genialität wahrnehmen, die still hinter seinen freundlichen Augen und seinen weichen Gesichtszügen ruht.

Als Mann, dem es nichts ausmacht, kräftig anzupacken, wäre Ty der Erste, der dir sagen würde, dass er sich selbst nicht für sonderlich intuitiv hält, es sei denn, dass es sich um die Art von Intuition handelt, die aus jahrelanger Erfahrung kommt – beispielsweise wie Abwechslung in das Viehfutter zu bringen ist oder welches Antibiotikum zu verwenden ist, wenn seine Tiere Anzeichen einer Krankheit zeigen. Du kannst dir daher seine Überraschung vorstellen, als er in einer eisigen Oktobernacht einen sehr eigenartigen Traum hatte. Während des Schlafs drang eine Stimme zu ihm, die sehr deutlich sagte: „Gib die Züge zurück.”

Während er seine Frau betrachtete, die leise neben ihm atmete, dachte Ty: Das ist aber merkwürdig. Was könnte es bedeuten? Es handelte sich um eine derart spezifische Anweisung mit einer scheinbar so klaren Absicht. Aber er verstand sie nicht.

Bei der Arbeit am Morgen fielen ihm die Worte „Gib die Züge zurück” wieder ein; daher versuchte er, ihre Bedeutung zu erraten. Da er aber stundenlang mit schwerer Arbeit beschäftigt war, dachte er nicht mehr daran, bis sich der Traum ein paar Tage später wiederholte. Er war genauso spezifisch und auf frustrierende Weise genauso vage. „Gib die Züge zurück”, befahl die Stimme. Er wachte vor dem Morgengrauen auf, lag in seinem Bett und grübelte über die Bedeutung nach.

Ty erkannte, dass das Thema Züge im Allgemeinen von Bedeutung für ihn war. Er war von Zügen fasziniert, solange er sich erinnern konnte, angefangen damit, dass ihm sein Großvater eine Modelleisenbahn schenkte. Er hatte als Kind für sie geschwärmt und hielt sie auch als Erwachsener noch in Ehren.

Wie kann ich diese Züge zurück geben?, fragte Ty sich. Sein Großvater war schon seit langem tot.

Ty mag auch echte Züge. Als er noch ein Junge war, nahm ihn sein Großvater zum Rangierbahnhof mit. Während seine kleine Hand sich an die riesengroße Hand seines Opas klammerte, beobachteten sie, wie die Züge einfuhren und Getreide und Nutzholz entladen wurden. Das Pfeifsignal eines Nachtzugs versetzte seinem Bauch immer noch einen nostalgischen Stich und gelegentlich ein flatterndes Gefühl in der Brust. Aber diese Züge waren lange vergangen, bloß Schemen der Erinnerung, die nicht zurückgegeben werden konnten.
Ty, ein praktischer Typ, verbannte die Stimme in seinen Träumen aus seinen Gedanken und machte sich an die Arbeit. Es gab allerhand, was ihn beschäftigt hielt, und nachdem er den Abend mit seiner Frau verbracht hatte, sank er nachts dankbar ins Bett. Aber irgendwann während der Nacht kam wieder die Stimme: „Gib die Züge zurück”, insistierte sie. Nun wurde das langsam lästig und irgendwie unheimlich. Ty behielt die hörbaren nächtlichen Besuche für sich und überlegte, was sie bedeuten könnten. Da erinnerte er sich an seinen Onkel Clyde und Clydes Sohn Jack, seinen Cousin, der als Junge ebenfalls Züge gesammelt hatte. Jack, der nun Ende fünfzig war, war auch ein Einzelkind gewesen. Als Ty klein war, passte sein Cousin, der zehn Jahre älter war als er, manchmal als Babysitter auf ihn auf, und dann spielten sie gewöhnlich zusammen mit Zügen. Aber das war eine Ewigkeit her, bevor Onkel Clyde an einem Gehirntumor gestorben war.

Früh am Morgen grübelte Ty darüber nach, wann er seinen Onkel das letzte Mal lebend gesehen hatte. Es war 1984, als Onkel Clyde dem Tode nahe war und eine Hospizbetreuung hatte. Er hatte ihn im Obergeschoss von Clydes altem Zuhause besucht. Obwohl er schwer atmete und sein Gesicht bleich war, freute sein Onkel sich, ihn zu sehen. Ty war froh, dass er sich die Mühe gemacht hatte, dorthin zu gehen. Die Familien standen sich nicht besonders nahe. Es hatte keinen größeren Krach gegeben – so war es in seiner Familie nun einmal. Ty hatte Jack mehrere Jahre nicht gesehen. Als er hereinkam, saß Jack am Bett seines Vaters. Als Oberst bei den Green Berets sah er in seinen schwarzen Schnürstiefeln und seiner Militäruniform grimmig aus. Ty war beeindruckt von dem mächtigen Mann, der er geworden war. „Was machst du denn hier?”, hatte Jack ihn angeschnauzt. „Verschwinde aus diesem Haus. Ich möchte, dass du mir nie wieder unter die Augen kommst!”

Jack hatte so ausgesehen, als wäre es ihm ernst und als hätte er die Mittel, die in seinen Worten enthaltene Drohung in die Tat umzusetzen. Abgesehen von der Beerdigung einige Tage später hatte Ty seinen Cousin daher fast zwei Jahrzehnte nicht gesehen.
Plötzlich erinnerte Ty sich an einen Zug in seiner umfangreichen Sammlung, den weder er selbst noch sein Großvater gekauft hatte. Es gab einen Lionel, funkelnagelneu und noch verpackt, der früher einmal Jack gehört hatte. Als Ty 13 war und Jack 23, war Onkel Clyde der Meinung gewesen, dass Jack zu alt für Spielzeug sei, und hatte den Zug unbedacht Ty gegeben und nie mehr einen Gedanken darauf verwendet.

Als Ty in dieser Nacht in seinem Bett lag, wurde ihm klar, dass es tatsächlich einen Zug gab, den er zurückgeben konnte. Im Tageslicht verlangte die Farm jedoch von ihm, dass er an seine Pflichten ging, und so verbannte er es wieder aus seinen Gedanken.

Anscheinend hatte die rätselhafte Stimme andere Vorstellungen. Sie drängte sich nun jede Nacht in seinen Schlaf und wurde spezifischer. „Gib die Züge zurück”, befahl sie, „bis Weihnachten!”

Als Ty später daran zurückdachte, machte er sich klar, dass er während dieser Zeit wegen des unterbrochenen Schlafs etwas gereizt war. Es war fast so, als wäre ein Kleinkind im Haus, das sich nicht darum kümmerte, ob er Schlaf brauchte oder nicht oder ob er todmüde von einem anstrengenden Tag war. Die Stimme rief laut, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen und ihn zum Handeln anzuspornen. Aber Ty ließ sich Zeit. Er glaubte nämlich nicht an übernatürliche Phänomene. Er glaubte an praktische Dinge: Tierzucht, die Erde, die Jahreszeiten und dergleichen. Daher fand er sich mit dem Lärm und dem Schlafmangel ab und nahm sein Tagewerk mit der Art von hartnäckiger Entschlossenheit in Angriff, die einem Farmer dabei hilft, es trotz magerer Jahreszeiten zu schaffen.

Neujahr kam und ging, während der Winter sich verabschiedete und auf den Frühling zubewegte. Aber die Stimme war noch nicht fertig mit Ty. Auch sie war entschlossen und hielt Schritt mit dem Kalender. Erneut begann sie ihn aufzuwecken: „Gib die Züge zurück”, sagte sie. Nun gab es eine neue Anweisung: „Gib die Züge bis Ostern zurück!” Schließlich dachte Ty: Jetzt reicht’s. Am Samstagnachmittag vor Ostersonntag packte er den Karton mit dem kleinen Zug in eine braune Tragetüte. Er zog einen roten Pullover, Kakihosen und ein Paar saubere Arbeitsstiefel an und pfiff seinen schokoladenbraunen Labrador–Retriever Hershey herbei, um ihn zu seiner moralischen Unterstützung mitzunehmen. Als er sich anschickte, in seinen Lastwagen zu klettern, kam ihm plötzlich ein Gedanke: Was ist, wenn er mich nicht erkennt? Es war immerhin 20 Jahre her. Tatsächlich lebte Jack ebenfalls in Boring, Oregon, und es erschien ihm etwas merkwürdig, dass sich ihre Wege in all dieser Zeit niemals gekreuzt hatten.

Ty zog alles in Erwägung, was er über seinen Cousin wusste – Dinge, die in beiläufigen Familiengesprächen im Laufe der letzten 20 Jahre aufgekommen waren. Ty wusste, dass Jack Clydes Haus geerbt hatte und dass Jack vor einigen Jahren seinen Abschied vom Militärdienst genommen hatte. Er wusste auch, dass Jack freiwillige Arbeit für einige örtliche Wohltätigkeitsvereine und Organisationen leistete, beispielsweise bei den Pfadfindern. Ansonsten kannte er Jacks Gewohnheiten oder seinen Terminplan nicht. Er wusste nicht, ob er überhaupt in der Stadt war. Ty wusste nur, dass es, wenn möglich, Zeit war, die nächtliche Stimme zum Schweigen zu bringen. Ty beschloss, seinen Lastwagen daheim zu lassen und für einen derart wichtigen Ausflug seinen tadellos erhaltenen orangefarbenen Nissan 280Z Sportwagen Baujahr 1978 zu nehmen. Als er ihn vorsichtig aus der Scheune zurücksetzte, erinnerte er sich daran, dass er dieses Auto gefahren hatte, als er Jack das letzte Mal gesehen hatte. Vielleicht würde dies irgendein Wiedererkennen bei seinem Cousin auslösen.
Als er die von Tannen gesäumte Auffahrt hochfuhr, sah das Haus noch fast genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte, obwohl vielleicht ein wenig kleiner. Er nahm die Tüte an den Henkeln, hieß seinen Hund, auf ihn zu warten, und stieg aus seinem Sportwagen aus. Er ging an der zugerankten Veranda, dem ansteigenden Rasen, dem Azaleenbusch mit seinen dichten rosafarbenen Knospen vorbei. Ty stieg die Stufen zum Haus hoch, das schräg einfallende Nachmittagslicht warf einen langen Schatten hinter ihm. Er klopfte an die Tür, sein Puls beschleunigte sich, während er wartete. Es dauerte nicht lange, bis sich die Tür öffnete – und da stand Jack, er sah etwas älter und hagerer aus und seine militärische Haltung zeigte sich, auch wenn er ein T–Shirt und ausgebleichte Bluejeans trug.

Jacks Augenbrauen hoben sich fast bis zum Haaransatz, während er hervorstieß: „Was machst du denn hier?” Seltsamerweise war es genau dasselbe, womit er vor 20 Jahren Ty angeknurrt hatte, genau eine Treppe höher von der Stelle, wo sie jetzt standen.

In diesem Augenblick wäre Ty wirklich gerne woanders gewesen als dort, wo er war, wie er da in der Spätnachmittagssonne auf der Veranda stand, mit dem schwachen Geruch von Nadelbäumen, den die Brise herbeitrug, und seinem Hund, der geduldig auf ihn im Auto wartete. Er wusste jedoch, dass er hier sein musste, denn das schien sich herauszukristallisieren, als er die große braune Tragetüte vorstreckte, die den Karton mit dem kleinen Lionel darin enthielt.

„Hier”, sagte er, „das ist für dich. Es gehört dir.”

Verblüfft blickte Jack in die Tüte hinein, die in der Sonne leuchtete und deren Inhalt ebenso wirkungsvoll angestrahlt wurde, als hätte er ein Spotlight benutzt. Zu Tys großer Überraschung brach sein Cousin, ein Mann von fast 60 Jahren, ein Oberst a. D. der Green Berets, in Tränen aus. Es war die Art von Weinen, das spontan in dicken Tropfen aus den Augen hervorschießt. Jack drehte sich weg, stützte sich mit der Hand auf die Lehne eines Stuhls, der neben dem Küchentisch stand, legte seinen anderen Arm über seine Augen und weinte.

In diesem Moment ging Ty ein Risiko ein, machte einen einzigen Schritt, der so viel bedeutete. Er hob einen Fuß in seinem sauberen Arbeitsstiefel, trat über die Türschwelle und in die Küche hinein. In den früheren zornigen Worten seines Cousins: „Was machst du denn hier? Verschwinde aus diesem Haus. Ich möchte, dass du mir nie wieder unter die Augen kommst!” war eine Androhung von körperlicher Gewalt enthalten. Jetzt war sie weggewischt, und 20 Jahre der Trennung endeten mit dieser einen einfachen Bewegung.

Jack nahm sich zusammen und zog den Stuhl heraus, auf den er sich gestützt hatte. Er forderte Ty mit einem Wink dazu auf, sich zu setzen, und zog einen anderen Stuhl für sich selbst heran. Ty schloss langsam die Tür, setzte sich und wartete.

Jack sagte: „Es tut mir leid. Ich bedaure die gemeinen Dinge, die ich gesagt habe, als ich dich das letzte Mal sah. Ich habe es wirklich nie so gemeint. Ich litt nur so und mein Vater war so abweisend mir gegenüber gewesen. Ich konnte es ihm niemals recht oder gut genug machen; er schien dich zu bevorzugen. Bitte vergib mir. Ich habe dich aus meinem Leben verbannt, und es war nicht deine Schuld. Ich habe einfach gelitten.”

Tys rosige Wangen wurden noch rosiger. In seinen wildesten Träumen hätte er nie diese Art von Reaktion oder Empfang erwartet. Er wollte lediglich dieser verdammten Stimme Einhalt gebieten. Aber das war noch nicht die allergrößte Überraschung. Er sollte gleich noch einen weiteren Schock bekommen. über zwei Bechern mit dampfendem Kaffee machte Jack ein weiteres Geständnis:
„Ty, das wird sich nun merkwürdig anhören, aber ich habe diese Träume gehabt. Jede Nacht drang eine Stimme zu mir und ich konnte mir nicht vorstellen, was sie bedeutet. Die Stimme wiederholte immer wieder dasselbe. Sie sagte: ,Die Züge kommen!‘”

Diese beiden erwachsenen und sehr handfesten Männer blickten einander hilflos an, als Ty seine Träume beschrieb, die ihn anwiesen, die Züge zurückzugeben. Keiner von beiden glaubte an Geister oder Phantome oder winzige Tierchen, die in der Nacht herumpoltern. Beide glaubten daran, dass die Sonne am Morgen aufging und am Abend unterging, und an die tüchtige harte Arbeit, die dazwischen kam. Aber ob sie es glaubten oder nicht: Die kleine, gar nicht so leise Stimme hatte sie wieder zueinander geführt; zurück dazu, Familienangehörige und Freunde zu sein.

Vielleicht wird Tys Erfahrung dir einen zusätzlichen Anstoß geben, aus dir herauszugehen und deine eigenen herausfordernden Schritte zu unternehmen, selbst wenn du keinen Beweis dafür hast, dass dies zu tun das „Richtige” ist. Manchmal beinhaltet eine leise Vorahnung die beste Information, die du bekommen wirst. Wenn du nach deiner Intuition handelst, wirst du vielleicht einfach bloß herausfinden, dass jener kleinen, gar nicht so leisen Stimme deine bestmöglichen Interessen am Herzen liegen.

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