Insektenmagie

von Ariel Kane

Insektenmagie

bugmagicEines Nachts fuhr ich auf unsere örtliche Tankstelle um unseren Prius zu tanken. Als ich aus dem Wagen stieg, waren dort zu meiner Überraschung hunderte von Eintagsfliegen, die unter der Deckkenbeleuchtung tanzten. Sie landeten auf meiner Windschutzscheibe, der Motorhaube und dem Dach des Wagens. Ich bin daran gewöhnt, Eintagsfliegen in der Nähe von Flüssen zu sehen, weil es Wasserinsekten sind, deren Lebenszyklus die Angler dicht folgen, denn diese zarten, fliegenden Insekten sind eine Hauptnahrungsquelle von Forellen. Ich war mir nicht bewusst, dass diese Tankstelle sich in irgendeiner Weise in der Nähe von Wasser befand, aber das musste so sein, da die Luft erfüllt war von Pale Evening Duns, den kleinen blassgelben Maifliegen, die im Frühjahr und Sommer schlüpfen.

Der junge Mann, der die Tanks füllt, kam herüber und ich gab ihm meine Kreditkarte und bat ihn, den Tank mit Normalbenzin voll zu machen. Er fing an in der Luft herum zu fuchteln und grummelte, „Ich hasse Fliegen! Sie sind überall.“

Sein Kommentar überraschte mich. Moskitos, klar, die hasse ich auch. Aber Eintagsfliegen? Während ich dort stand, und die Zapfsäule im Hintergrund tickte, wurde mir klar, ich wie sehr man kulturell darin geprägt ist, dass man manche Dinge hasst und andere akzeptiert. Wie man uns beibringt, dass sich bei manchen Dingen unsere Nackenhaare sträuben, und wie wir lernen mit anderen Dingen locker umzugehen. Und wie oft, nachdem wir gelernt haben etwas zu „hassen“ , wir es für immer hassen, ohne jemals wirklich einen zweiten Blick darauf zu werfen.

Als Mädchen vom Lande, aufgewachsen in Oregon, hatten wir keine Videospiele oder andere Ablenkungen, wie die Kinder sie heutzutage haben. Wenn also meine Schwestern und ich draußen spielten, erfanden wir Spiele mit Blättern und Insekten, Salamandern und Mäusen. Auf dem Rücken eines Dreirads den Hügel hinaufgeschleppt werden, kostete eine Handvoll Blätter. Die Suppe, die im Spielhaus serviert wurde, bestand aus wilder Pfefferminze in Wasser. Kleine Feldmäuse wurden unter umgekehrten Beerenkartons gefangen und in unserer Freizeit durch das grüne Plastikgitter inspiziert. Und in Großmutters Haus fingen wir Grashüpfer. Man konnte uns schreien und quietschen hören in unserer kindischen Freude, wenn ihre Beine unsere Hände kitzelten, und wenn sie in ihren unvorhersehbaren Flugbahnen davon sprangen.

bugmagicMein Großvater hat mich in meiner Jugend auch mit zum Angeln genommen, an einen kleinen Fluss gleich bei Mount Hood. Der Zickzack-Fluss war eine Quelle von Wundern und machte mich mit „Periwinkles“ bekannt. Diese Kreaturen hingen an der Unterseite von Steinen im Fluss, ihre Hülle ein Kokon aus kleinsten Kieseln. Wir schälten sie und nutzten den „Wurm“ darin als Köder für unsere Haken, um hungrige Forellen zu fangen. Heute weiß ich, dass mein Großvater sich den Namen nur ausgedacht hat, und dass diese Insekten tatsächlich die Larven der Köcherfliege sind, ebenfalls ein Favorit der Forellen. Aber als ich ein Kind war, wusste ich nichts von Insektenmagie, dem Zauber der Insekten. Periwinkles waren nur eines von vielen kleinen Details des täglichen Lebens, die als selbstverständlich betrachtet und in die Nische der Kindheitserinnerungen abgelegt, selten abgestaubt oder noch einmal neu betrachtet wurden im späteren Leben.

Als mein Mann Shya und ich anfingen uns mehr für die Kunst des Fliegenfischen zu interessieren, hauptsächlich auf Flüssen, wurde uns die Entomologie vorgestellt, die Wissenschaft der Insekten. Ich lernte, dass Eintagsfliegen zum Beispiel, sich in der Luft paaren und die Weibchen ihre befruchteten Eier auf das Wasser ablegen, welche dann herab zum Flussbett sinken, wo sie reifen und sich in ihren Larvenzustand verwandeln. Schließlich schwimmen die Larven an die Wasseroberfläche, wo sie ihre Hüllen abstreifen und herauskommen um davonzufliegen und den Kreislauf erneut zu beginnen. Deshalb fressen Forellen die Larven, die schlüpfenden Fliegen während sie Richtung Himmel schwimmen oder die Fliegen, die auf dem Wasser tanzen und ihre Eier legen. Sie stürzen sich ebenso auf die Angelhaken, auf die erschöpften Insekten die auf die Wasseroberfläche zurückfallen, nachdem sie sich gepaart haben, um gefressen zu werden oder wieder im Fluss selbst zu versinken.

Es gab Tage auf dem Fluss, da habe ich Schwaden von Mücken gesehen, einen geflügelten Dunstschleier in dem Millionen wellenförmig Millimeter über der Haut der Wasseroberfläche wallen, so weit das Auge reicht.

Manchmal gibt es Maifliegen, die, getarnt als ein Gespinst zarter Baumsamen, gewichtlos in Richtung der glatten Wasseroberfläche treiben. Es ist einfach, ihr müheloses Absinken zu beobachten, nur um dann überrascht zu sein, wenn sie abrupt die Richtung wechseln und auf durchsichtigen, weißen Flügeln Richtung Himmel tanzen.

Während ich bei meinem Wagen stand, beobachtete ich die buttergelben Eintagsfliegen, zierliche Ballerinen, Flügel aufgerichtet, darauf wartend ihren Auftritt auf einer wässerigen Bühne zu beginnen. Ich tat dies mit einem Gefühl von Staunen, mit kindlicher Unschuld.

Als mein Tank voll war und die Pumpe stoppte, kam der Tankwart zurück. „Verdammte Viecher“, sagte er, während er den Zapfhahn zurücksteckte, meinen Tankdeckel aufsetzte und die Klappe schloss. Nein, dachte ich. Es ist Magie. Insektenmagie.

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