Die Majestät des Augenblicks

Ein Ausschnitt aus SEIN – Die Kraft des Augenblicks. – Geschichten mit erleuchtender Wirkung – zum Lachen, Weinen, Mitfühlen und einfach nur Mensch sein von Ariel & Shya Kane, erzählt von Ariel

Die Majestät des Augenblicks

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Furious Fish CroppedWMAnfang September 2004, an unserem ersten Tag auf See vor der Küste Venezuelas, fing Shya seinen allerersten weißen Speerfisch mit einer Fliegenrute und ließ ihn wieder frei. Es gab sehr viele Möglichkeiten zum Fotografieren bei diesem aufregenden Ereignis mit akrobatischen, tanzenden und springenden Kunststücken.

Vorher an diesem Tag war der Ozean völlig windstill. Das war sehr ungewöhnlich für diesen Ort, wuie uns gesagtwurde. Als wir jedoch am Ende unseres Abenteuers auf See in den Hafen einliefen, stellten wir fest, dass der Jachthafen am folgenden Tag geschlossen sein würde. Man erwartete den Hurrikan Iwan (den Schrecklichen), der laut den Voraussagen näher an Venezuela herankommen sollte als irgendein Hurrikan vorher.

beingherecover_lgDer Lage des Landes ist es zu verdanken, dass große Wirbelstürme gewöhnlich vorbeirasen und den Küstenstrich unbehelligt lassen. Obwohl sich das Unwetter östlich und nördlich von uns ereignete, erwartete man, dass sich große Brandungswogen vom Meer aus heranwälzen würden. Auf einem Spaziergang um den Jachthafen stellten wir fest, dass das Mitarbeiterteam und die Mannschaften der angedockten Boote allgemein darin übereinstimmten, die Schließung des Jachthafens wäre eine kolossale überreaktion. Wie sie sagten, bestand die Wahrscheinlichkeit, dass dies ein weiterer schöner Tag sein würde.

Nach einer Mahlzeit aus frischem Fisch und einem Glas Wein zogen wir uns zurück – nichtsahnend was uns am Morgen erwarten würde. Wir wachten mitten in der Nacht vom Geräusch des Regens auf, der auf das Dach prasselte: die Sintflut eines tropischen Unwetters.

Am Morgen hatte der Regen aufgehört, aber als wir aus der Tür traten und zu den Booten schlenderten, konnten wir das Adrenalin spüren. Die Menschen dort waren immer noch erschüttert von dem Trauma im Dezember 1999 als nach 15 Tagen pausenlosem Regen die Berge entlang von mehr als 100 Kilometern Küste nachgaben. Tonnen von Schlamm, Felsgestein und Schutt waren direkt nach Mitternacht ins Meer gestürzt, als die meisten Menschen schliefen. Im Jachthafen gab es Arbeiter, deren gesamtes Dorf zerstört wurde. Ein junger Mann half Berichten zufolge dabei, 50 Menschen aus dem Schlamm und den Trümmern zu ziehen, und rettete ihnen das Leben. Sein haus war nur eines von vier Gebäuden, die nach dem Erdrutsch in seinem Dorf noch standen. Bei der Voraussage von extremen Wetterverhältnissen waren die Dorfbewohner, die jene Tragödie überlebt hatten, daher äußerst nervös.

Als wir an den Docks entlang hinausgingen, konnten wir die Spannung spüren. Boote im Wert von 30 Millionen Dollar lagen im Jachthafen nebeneinander aufgereiht, Seite an Seite, und die Mannschaften beeilten sich, zusätzliche Halteleinen und Stoßdämpfer anzubringen … etwa nach der Devise „alle Mann an Deck”.

Bald begann die Flut zu steigen und die Boote machten alle in einer Reihe von links nach rechts „klick-klack”, als das Wasser in den Jachthafen hineinschoss. In der Ferne konnten wir sehen, wie die Brandung den Hafendamm zu überspringen begann. Shya und ich stärkten uns mit doppelten Espressi ( wir haben immer noch klare Vorlieben, ob Hurrikan oder nicht), dann holte ich meine Kamera heraus und begann Schnappschüsse von den Vorbereitungen zu machen. Als einige der ortsansässigen Männer mich mit der Kamera in der Hand sahen, machten sie uns den Vorschlag, auf das dach eines nahe gelegenen, halb vollendeten Gebäudes zu steigen (der Bau war nach der Schlammlawine von 1999 abgebrochen und nicht wieder aufgenommen worden, wenn wir eine ungehinderte Sicht aus der Vogelperspektive haben wollten. Wir folgten ihnen durch die dunkle und staubige unterirdische Garage, vorbei an den überresten großer Boote, zertrümmerten Stützstreben und dergleichen mehr, und begannen mit dem Aufstieg zu dem Dach. Es war dort etwas unheimlich mit den halb fertigen Geländern und einem offenen Aufzugsschacht.

Als wir die Treppe hochstiegen, traten wir auf den Abdruck eines Leguans. Er war genau dort gestorben und absorbiert worden, als er verweste, bis nur noch ein geisterhafter Schatten übrig geblieben war. Als wir oben angelangt waren, gingen wir zu den Fenstern des Penthauses, in einer atemberaubenden Höhe von elf Stockwerken. Wir konnten immer noch das kontrollierte Chaos spüren, als wir die Menschen unter uns beobachteten.

Eine über elf Meter lange „Garlington”, eine große Schönheit mit blauem Schiffsrumpf, tuckerte weiter in den Jachthafen hinein und entfernte sich mehr von der Hafeneinfahrt. Die Brandung war so unerwartet groß und heftig geworden, dass der Druck die Zementklampen am Dock zerstört hatte, an denen sie befestigt gewesen war. Nun mussten sie einen neuen Platz finden, um das Boot zu vertäuen. Der Sicherheit dieses Bootes galt unsere besondere Aufmerksamkeit – nicht nur wegen ihnen, sondern auch unseretwegen. Es war das Boot, das wir gemietet hatten, und unsere gesamte Ausrüstung befand sich noch an Bord.

Ich begann zu fotografieren, zuerst als das Meer über dem Hafendamm aufwogte und später dann, als es krachend und in großen und schweren Wellen kam. Der Hafendamm war fast sieben Meter hoch, aber die Brandungswogen neun! Riesigen Mengen von Gischt spritzten himmelwärts. Die Segelboote hüpften wie Spielzeug. Wir sahen mutige Seelen, die sich mit Armen und Beinen an die Masten klammerten und versuchten, dem Sturm zu trotzen. Bald drehte der Wind auf, ließ die Segel hin- und herflattern und peitschte die Fahnen. Und dann, dann errichten die Wellen ihren Höhepunkt und das Schlimmste war vorbei. überraschenderweise gab es keinen Regen. Bald war alles ruhig.

Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass drei Menschen am äußeren Jachthafen an jenem Tag ums Leben gekommen waren. Hungrige Wogen hatten die Docks, die Boote und Männer verschlungen. Fünf Surfer, die törichterweise versucht hatten, auf den Wasserwänden zu reiten, waren ebenfalls umgekommen, doch unser Boot hatte das Unwetter mit nicht einmal einer Schramme überstanden. Als wir später an der Verwüstung vorbei und aufs Meer hinausfuhren, ertappte ich mich dabei, mir Gedanken über jene verlorenen Seelen zu machen.

Ich bezweifle, dass sie am Morgen aufwachten und wussten, dass es ihr letzter Tag auf Erden sein würde. Wahrscheinlich hatten sie Pläne für den nächsten Tag und für das vor ihnen liegende Wochenende und für ihr Leben. Ich ertappte mich dabei, stumme Gebete für die Opfer und die trauernden Familien der Männer zu sprechen. Es war einer jener Fälle, bei denen ich eine direkte Erfahrung der Vergänglichkeit der Dinge machte. Einer, bei dem ich dankbar war für die Wendung des Schicksals, das uns beide unversehrt gelassen hatte, um noch einen weiteren Tag zu erleben. Es war immer noch Zeit, dass sich unser Leben weiter entfalten konnte.

Shya und ich waren von den Flügelspitzen der Naturgewalt gestreift worden, die Berührung einer einzelnen Feder, die uns zitternd zurückließ. Es war eine mahnende Erinnerung an die Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens und auch an die Majestät des Augenblicks.

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