Artikel des Monats

von Ariel Kane

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Ein Engel am Flughafen

Wir waren am Flughafen Newark auf unserem Weg nach Bellevue in Washington, als ich den Anruf erhielt. Ich stand in der langen Schlange der Passagiere, die darauf warteten durch die Sicherheitskontrolle zu gehen. Shya hatte man den TSA Pre-check gewährt (Anm. des Übersetzers: Eine schnellere Sicherheitskontrolle mit diversen Vorteilen), also stand er irgendwo in einer kürzeren Schlange, mit all unserem Handgepäck. Wir waren auf dem Weg zu meiner Mutter ins Krankenhaus, weil sie plötzlich sehr krank geworden war, und die Prognose verhieß nichts Gutes.

„Hallo.“ Ich meldete mich in einem halben Flüsterton, als ich ans Telefon ging. „Lass mich meine Ohrhörer reinmachen.“

Ich nahm meine drahtlosen Ohrhörer heraus, steckte sie mir in die Ohren und fragte mich beklommen, welche Neuigkeiten in Bezug auf meine Mutter mir mein Schwager mitteilen würde. Wir hatten bereits eine niederschmetternde Unterhaltung gehabt – eine, in der man uns mitgeteilt hatte, uns zu beeilen und Kleider für ein Begräbnis mitzubringen. Aber ich klammerte mich noch immer an die Hoffnung, dass wir mehr Zeit haben würden.

„Ariel, es tut mir leid dir sagen zu müssen, dass deine Mutter eventuell heute noch operiert werden muss, aber sie ist so krank, dass sie die Operation vielleicht nicht übersteht,“ teilte er mir mit.

Ich weiß, wir haben noch mehr besprochen. Ich stellte Fragen. Ich bekam Antworten. Aber alles, an das ich mich jetzt erinner ist, dass ich mich in einem Meer von Fremden befand, ich fühlte mich so alleine, und dass es nichts gab, das ich tun konnte, um die Situation zu verbessern. Ich begann zu weinen. Ich versuchte, die Kontrolle zu behalten, ich hatte eine vage Vorstellung davon, dass die Sicherheitsleute eventuell einen schluchzenden Passagier nicht durchlassen würden.

Shya erwartete mich, er war schneller als ich durch die Kontrolle gekommen. Ich verlor vollkommen die Fassung, schnappte nach Luft, weinte, die Worte kamen bruchstückhaft heraus, so gebrochen wie mein Herz. Er führte mich zur Seite, eine abgelegene Stelle auf diesem belebten Flughafen, und hielt mich, während ich weinte. Ich fand ein Taschentuch.  Ich fühlte mich verloren, beraubt. Diese Reise, um meine Mutter zu besuchen, hatten wir schon vor Monaten geplant – ein zehntägiger Besuch, während Shya in Florida Angeln ging. Aber jetzt reisten wir gemeinsam und vielleicht würden wir nicht rechtzeitig dort ankommen.

Als wir beieinanderstanden, ganz privat, verloren in meiner Trauer, spürte ich die leichte Berührung einer Hand an meiner Schulter. Ich drehte mich um und sah eine Frau.

„Ich weiß nicht, was Sie gerade durchmachen,“ sagte sie, „aber ich hoffe, es wird bald besser.“ Dann ging sie weg, ich denke, in Richtung ihres Gates.

Es war, als hätte mich ein Engel berührt – unerwartet und unvorstellbar freundlich. Es war, als hätte ihre Hand den Nebel der Gefühle geteilt und mich in diesen Augenblick zurückgebracht. Den Arm um meine Schulter gelegt, gingen Shya und ich einen Kaffee trinken und beeilten uns dann, zu unserem Flugzeug zu kommen.

Der Rest der Reise verlief recht ruhig. Ich vergaß sogar zweitweise, wohin wir reisten und was mich vielleicht erwartete. Ich erlebte Intimität, während ich neben meinem Mann saß und genoss einen Film. Ich las. Ich aß ein paar Snacks. Ich war zufrieden damit, wo ich mich befand, wohlwissen, ich würde nicht einen Moment früher dort ankommen, als ich real ankommen würde.

Als ich eintraf, war Mutter noch bei uns und bei klarem Bewusstsein. Die Zeit war sehr gefühlvoll und intensiv, während wir für ihre letzten Stunden bei ihr waren.

Ich bin noch immer dankbar für diesen Engel am Flughafen, dessen Berührung mir half, wieder zu mir selbst zurückzufinden. Ich weiß nicht, ob sie zuerst gezögert hat, aber ich bin froh, dass sie mich erreicht hatte. Es war eine Erinnerung, dass es selbst in den Tiefen der Verzweiflung Freundlichkeit gibt. Es war auch eine greifbare Erinnerung daran, dass wir selbst inmitten von Fremden, nicht alleine sind.

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