Abendessen mit einem Fremden

von Ariel Kane

Abendessen mit einem Fremden

Abendessen mit einem FremdenSeit Jahren hatten Shya und ich in Ollie’s Noodle House gegessen. In den 80er und 90er Jahren waren wir es gewohnt zu Manhattans Upper West Side zu gehen, um dort zu essen. In jenen Tagen fuhren wir extra dort hin, um General Tso’s Hühnchen oder Jumboshrimps zu genießen, ein knusprig frittierter Genuss mit einer süßsauren scharfen Sauce, auf einem Bett von leuchtend grünem Brokkoli. Manchmal brachten wir sogar Shyas Eltern, als sie noch lebten, mit dorthin um besondere Anlässe zu feiern. Irgendwann machte dieses Restaurant dicht und unser Leben ging weiter.

Anfang 2014, als ob sich der Kreis schließen würde, fanden wir neue Räumlichkeiten um unsere Manhattan Seminare durchzuführen. Sie waren in der Nachbarschaft, in der ich gewohnt hatte, als Shya und ich anfingen uns zu verabreden. Tatsächlich konnten wir aus unserem Kursraum im Skyline Hotel, das sich an der 49. Straße / Ecke 10, Avenue befindet, wirklich das Gebäude sehen, in dem wir unsere erste Verabredung hatten und irgendwann zusammen wohnten. Als Shya und ich begannen, uns mit der Umgebung vertraut zu machen und sie nach Plätzen zu erkunden, an denen man wahrscheinlich einen Happen essen konnte, war für uns klar ersichtlich, dass die Dinge sich seit der Zeit, als wir dort gelebt hatten, dramatisch verändert hatten. Wo es einst schwierig gewesen war, eine anständige Mahlzeit zu bekommen, waren jetzt Thai Restaurants allgegenwärtig und viele Möglichkeiten, um verschiedene Küchen zu genießen, von vegan bis Steak, mexikanisch bis Pasta. Umso größer war die Freude, als wir ein Ollie’s entdeckten, auf der 42. Straße, in der Mitte zwischen der 9. und 10. Avenue.

Es war am späten Nachmittag, als wir es betraten, und da es zu früh war für den Ansturm zum Abendessen, waren nicht viele Gäste da. Trotzdem setzte uns die Kellnerin an einen Tisch, eingebettet in eine etwas zurück liegende Ecke, gleich neben einen asiatischen Mann. Nachdem wir die Speisekarte durchgesehen hatten, gaben Shya und ich unsere Bestellung auf, tranken heißen Tee und lehnten uns abwartend zurück.

Unser Nachbar hatte ganz offensichtlich vor uns bestellt, also wurde er selbstverständlich zuerst bedient. Ich wurde hungrig, während die Kellnerin ihm seine Vorspeise brachte, und ich muss zugeben, ich war auch ein wenig neugierig. Wenn ich ausgehe, mag ich es häufig, zu schauen, was die anderen Leute im Restaurant essen. So habe ich viele Gerichte kennengelernt, die ich mir niemals so vorgestellt hätte. Zum Beispiel sah ich einmal, „gebrannten Blumenkohl“ auf einer Speisekarte, und das Bild, das dabei vor meinem geistigen Auge entstand, war nicht sehr verlockend. Aber nachdem ich sah, wie auf dem Teller eines Anderen karamellisierte Blumenkohlröschen aufgetürmt wurden, bestellte ich es mir auch und wurde nicht enttäuscht. Als somit eine Porzellanschüssel mit etwas lecker Aussehendem, das ich noch nie zuvor gesehen hatte, auf den Nebentisch gestellt wurde, war mein Interesse geweckt. In einer blau gemusterten Schale mit weißer Innenseite, saß ein Nest langer viereckiger durchsichtiger Nudeln, mit kleinen Stückchen, die wie Knoblauch aussahen, in einer scharfen Sojasauce.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich. „Was ist das?“

Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass der Mann, der neben mir saß nicht Englisch sprechen würde, aber als er mir seinen Teller hinhielt, und mir mit Gesten zu verstehen gab, dass ich mir davon nehmen sollte, wurde mir klar, dass er nicht meine Sprache sprach, und sein Kulturkreis riesige Unterschiede zu meinem aufwies. Ich registrierte einen Sekundenbruchteil des Zögerns. Da wo ich herkam war es tabu vom Teller eines Fremden zu essen, wenngleich es bereitwillig angeboten wurde. Ich hatte vor, abwehrend die Hand zu heben und zusagen, „Nein, nein, nein! Ist schon gut!“ Aber irgendwie hatten dieser Gentleman und ich die Hürde der gewohnten Unterhaltung und geteilten Kulturen hinter uns gelassen, und kommunizierten nun direkt. Man hätte mit einem zynischen Blick darauf auch denken können, dass er dieses Eröffnungsangebot nur als ausgedehnte Geste gemacht hatte, weil ihm die Worte zur Erklärung fehlten, aber in seinen Augen konnte ich sehen, dass das Hinhalten seiner Schüssel ein ehrliches Angebot war.

Als der Mann mir erneut seine Schüssel anbot, warf ich einen Blick auf meine unberührten Essstäbchen, die ich am Rand eines schmalen weißen Tellers abgelegt hatte, in Erwartung meiner Bestellung der frittierten Klößchen. Instinktiv wusste ich, dass eine Ablehnung beleidigend wäre. Selbstverständlich wäre die Annahme des angebotenen Gerichts nicht wirklich selbstlos. Ich war auch sehr an seinem Inhalt interessiert.

Lächelnd nickte ich, als ich mich bedankte und die Schüssel ergriff, geschickt einige Nudeln mit Sauce herauszog und auf meinen Teller legte. Nachdem ich dem Mann gedankt hatte, winkte ich die Kellnerin herbei, die den ganzen Vorgang beobachtet hatte.

„Was ist das?“, fragte ich wieder, denn ich hatte noch nie Nudeln von dieser Form und Konsistenz gesehen.

„Das sind Mungobohnennudeln in scharfer Sauce.“, antwortete sie.

Mungobohnennudeln? Davon hatte ich noch nie zuvor gehört.

„Ist da irgendwie Fischsauce mit dran?“, fragte ich, da ich in den letzten Jahren allergisch gegen Fisch geworden war – für mich gab’s keine General Tso’s Jumboshrimps mehr.

Nachdem sie mir versicherte, dass sie fischfrei sind, nahmen wir beide, Shya und ich, eine Nudel mit unseren Stäbchen hoch und probierten.

Mmmmmh – kühl, fest, mit zahlreichen Chillis für die Schärfe und winzigen Stückchen von etwas wie Miso, die gleichzeitig eine Geschmacksexplosion von Salz und Würze hinzufügten.

Wir dankten dem Mann nochmals und gaben ihm Raum, um sein Abendessen zu genießen. Shya und ich bekamen irgendwann serviert, was wir bestellt hatten, und wir alle aßen unsere Mahlzeiten auf eine kameradschaftliche Weise.

Wir sind seither mehrfach wieder bei Ollie’s gewesen, und meine Augen wandern jedes Mal zu diesem Ecktisch, der sich an die Wand schmiegt, aber ich habe ihn nie wieder gesehen. Wir beide, Shya und ich, haben von Zeit zu Zeit Mungobohnennudeln bestellt und haben dieses Gericht auch Freunden vorgestellt. Egal ob wir sie bestellen oder nicht, wir nehmen sie jetzt auf der Speisekarte wahr. Es ist lustig, wie meine Augen über diese Teile der Speisekarte hinwegspringen, die ich noch nicht probiert habe. Es ist, als ob viele Auswahlmöglichkeiten nicht existieren, einfach nur, weil sie nicht probiert oder neu sind. Ich habe nichts dagegen, wenn ich in einem Restaurant Dinge bestelle, die mir vertraut sind, Dinge von denen ich weiß, dass ich sie mag. Aber da gibt es eine ganze Palette von unbekannten Geschmacksrichtungen, wenn ich bereit bin offen zu sein für etwas Neues. Neue Dinge sind auch verfügbar, wenn ich bereit bin, meine reflexartige Verlegenheit oder meinen Stolz bei Seite zu legen, und das bereitwillige Geschenk eines Fremden anzunehmen. Ich bin mir sicher, dass dieser Bursche sich nichtmal daran erinnert, dass sich unsere Pfade gekreuzt haben, aber ich tue es. Und ich bin dankbar für seine Freundlichkeit. Es ist schwierig zu erahnen, welchen Unterschied ein spontaner Moment von Großzügigkeit bewirken kann. Ich persönlich, finde unser zufälliges Treffen inspirierend. Es beinhaltet einen Mikrokosmos der Süße, die die Menschheit anzubieten hat.

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